Gastbeitrag: Wie es kam, dass Herr Emm beinahe Trauzeuge wurde

Zu einer Zeit, als man Menschen dünne Stäbchen in die Nase schob, um sie auf das Virus zu testen, läutete bei Herrn Emm unvermutet das Telefon, sein Jugendfreund Peh war dran.

„Emm, du musst mir den Zeugen machen. Ich brauch‘ einen best Man, ich heirate“, schleuderte Peh Herrn Emm entgegen.

„Wie kommt’s, lieber Freund?“, wollte Herr Emm wissen.

„Schuld ist nur der Coronamassentest. Und unser Bürgermeister“, berichtete Peh.

„Wieso der Bürgermeister?“

„Du weißt ja, Emm, ich wohne in einer Speckgürtelgemeinde voller Möbelhäuser und unser HBM wollte natürlich beim Land glänzen und die meisten Tests pro 100 Einwohner und da hat er, wie die Möbelhäuser, Gutscheine für Hendl mit alkoholfreiem Getränk um 2,50 € ausgegeben, drei € mit Pommes, alternativ Bratwürstl. Und da hab‘ ich sie gesehen, die Frau meines Lebens, wunderschön, ich hab‘ all meinen Mut zusammen genommen und gefragt:

„Auch Hendl?“

„Schau ich aus wie eine Würschtlfrau?“

Humor hatte sie auch noch – ich war verloren. Im Sommer wird geheiratet und du musst mir den Zeugen machen!“

Herr Emm willigte schließlich ein und so gingen die Monate ins Land. Als Herr Emm gegen Ende des Frühjahrs noch immer keine Hochzeitseinladung erhalten hatte, fürchtete er schon Schlimmes und schließlich rief er Peh an.

„Peh, altes Haus, was is mit meinem Ehrenamt?“

„Nix“, antwortete Peh betrübt.

„Wieso?“ begehrte Herr Emm zu wissen.

„Wir haben uns auf einen lockereren modus amandi verständigt,“ gab sich Peh kryptisch.

„Wärst du so lieb, dies ein wenig näher auszuführen?“

„Ich kann das nicht“, brach es aus Peh heraus, „so sehr ich auch gewollt hätte, aber es geht nicht, ganz unmöglich, nein, nein, nein!“

„Und jetzt von Anfang an, in aller Ruhe, wir haben ja Zeit, Peh“, beruhigte ihn Herr Emm.

„Also es war so: Wir waren schon nahe dran einen Termin festzusetzen und das Aufgebot zu bestellen, da fiel uns ein, dass wir noch unsere Gutscheine einlösen wollten, jetzt, da man das, dank Impfung, wieder konnte. Also nix wie hin zur Hendlgrillerei, wo sich schon die Leute drängten. Beim Anstellen verloren wir uns kurz aus den Augen. Ich sah sie erst an einem der Biertische wieder, wo sie zufrieden ihr Hendl mit Pommes verspeiste. Ich setzte mich ihr gegenüber, als sie einen Schluck aus ihrem Glas tat, in dem ein farblose Flüssigkeit vor sich hin perlte. „Ah, Mineral, wegen der Linie“, scherzte ich.

„Nein, Sprite, was denn sonst?“

„Und da war mir klar, die Hochzeit kann nicht stattfinden, wir müssen uns anders arrangieren. Ich kann nicht Tisch und Bett mit einer Frau teilen, die zum Grillhendl mit Pommes Sprite trinkt, wo die ganze Welt doch weiß, dass da nur Fanta geht, vielleicht noch Frucade.“

So kam es, dass Herr Emm nur beinahe Trauzeuge wurde.

Martin Siegel im Dezember 2020

© Martin Siegel

Fanta und Sprite sind eingetragene Warenzeichen der Coca Cola Company, Frucade ist eine Marke der DrinkStar GmbH.

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