Palaver

In den Pflanzen, die seit Beginn der Evolution geschwiegen hatten, hatte sich einiges aufgestaut, was sie durchaus gern einmal der Welt mitgeteilt hätten. Weil aber immerzu die Tiere gebrüllt, geschnattert, gezwitschert, gebellt, miaut und gezirpt und die Menschen doziert und gesungen hatten, waren die Pflanzen im Lauf der Jahrmillionen nie zu Wort gekommen. Der frisch installierte große biologische Weltkoordinator, ein listiger, intelligenter, erfahrener Wolf, wollte diese Ungerechtigkeit gleich bei seinem Amtsantritt zumindest einmal für kurze Zeit beseitigen und verordnete den Angehörigen der Fauna einen Schweigetag. Für die Flora kündigte er einen Tag des allgemeinen, offenen Palavers an. Damit die Veranstaltung aber einigermaßen geordnet über die Bühne gehen konnte, wurde die Redezeit nach Pflanzengruppen limitiert. Zuerst sollten die einfachsten Exemplare jeder Spezies das Wort erteilt bekommen, damit auch sie sich endlich einmal mitteilen konnten und sich wertgeschätzt fühlten. Die ersten, die das Rederecht erhielten, waren die Moose und die Flechten. Sie begannen wie vereinbart zu sprechen und erzählten nichts inhaltlich Weltbewegendes, berichteten aber in großer Genauigkeit und Beharrlichkeit von ihrem Leben am Boden und an Baumstämmen. Als ihre Redezeit abgelaufen war, sprachen sie aber einfach weiter und kümmerten sich nicht im Geringsten um die wiederholten Interventionen des großen, biologischen Weltkoordinators, der am Ende sogar damit drohte, ihnen einfach die Mikrofone abzuschalten, wenn sie nicht endlich schwiegen und als nächste die Gräser zu Wort kommen ließen. Die Moose und Flechten gaben sich jedoch völlig unbeeindruckt, redeten den ganzen Tag weiter und genossen es, jedes Detail aus ihrer Jahrmillionen alten Geschichte breit auszuwalzen. Gegen Abend hörte ihnen dann niemand mehr zu. Die Angehörigen der übrigen Pfanzengruppen, die Besseres zu tun hatten, als sich das langweilige Geschwätz der Moose und Flechten zuzumuten, gingen wieder schweigend ihren täglichen Geschäften nach, die sich auch nicht von selbst erledigten. Als schließlich auch noch die Sonne unterging und die Moose und Flechten immer noch sprachen, wurde es auch den Angehörigen der Fauna, die den ganzen Tag diszipliniert geschwiegen hatten, zu bunt. Sie fühlten sich an ihr Versprechen nicht länger gebunden. Die Kojoten waren die ersten, die wieder losheulten. Die Eulen und Käuze setzten als nächste ein. Schließlich begannen auch die Frösche und Unken ihr nächtliches Quakkonzert. Als dann auch noch die ersten Menschen Arien von Puccini in die Nacht hinauszuschmettern begannen, war es wieder fast wie immer. Die Moose und Flechten, die von all dem bald übertönt wurden, gaben kurz nach Mitternacht endlich auf und schwiegen. Als der große biologische Weltkoordinator sich schließlich seufzend zur Ruhe begab, war ihm klar, dass in seiner Amtszeit noch ein großes Stück Arbeit auf ihn wartete.

Michael, 8. Jänner 2021

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