Winterromanze

Es geschah Anfang Jänner. Kinder hatten zwei Schneemänner, um genau zu sein, einen Schneemann und eine Schneefrau, gebaut. Sie waren mit ihrem Werk zufrieden und besuchten die beiden so oft es nur ging. Das Schneepaar stand im Wald neben einem Forstweg und jedesmal wenn die beiden Kinder dort ankamen, behauptete der Jüngere, dass die beiden anders dastanden als den Tag zuvor und sich etwas vom ursprünglichen Platz weggerührt hätten. Der Ältere lachte ihn dafür immer aus. Er konnte ja nicht wissen, dass die beiden in einer Raunacht geschaffenen Figuren im Mondlicht tatsächlich zum Leben erweckt wurden. Nachts wenn der Mond auf sie schien, fingen sie sich langsam zu bewegen an. Lisa und Oliver regten und streckten sich ein wenig. Dann forderte Oliver Lisa zum Tanze auf und sie fegten gekonnt über das Schneeparkett. Oliver und Lisa verstanden sich vom ersten Moment. Es war ihnen klar, dass ihre Romanze spätestens im Frühjahr ein Ende finden würde, aber das zählte in diesen schönen Momenten der Gegenwart doch gar nicht. Lisa und Oliver waren verliebt, genossen die gemeinsamen Stunden und erzählten sich Geschichten. Obwohl sie keinen einzigen Gegenstand besaßen, waren sie glücklich. Sie fanden sich gegenseitig immer wieder aus das Neue anziehend, die Kinder hatte sich wirklich angestrengt. Trotz des Umstandes, dass sie keinen Nachwuchs zeugen konnten (hier hatten die Kinder verständlicherweise etwas ungenau gearbeitet), spürten sie eine Vollkommenheit. Der Wald war der perfekte Platz für die Beiden, zumindest so lange bis noch im Jänner ein Bauer mit seinem Agrar-Monster um die Kurve schoss. Als er das Schneepaar erblickte, fuhr er die Kurve ohne Notwendigkeit besonders weit aus und genoss das Geräusch, als er sie unter den riesengroßen Reifen zerquetschte. Es kam ihm sogar ein Lachen aus. Das hätte er nicht tun sollen. Jede Nacht hatte er seit dieser Begebenheit den selben Traum: Ein Schneepaar tanzte ausgelassen auf seinem Bauch und nach einiger Zeit wachte er schweißgebadet mit leichten Bauchschmerzen auf. Seine Frau verließ ihn nach einiger Zeit, keine Beziehung glückte mehr, es war wie verhext. Als ein Jahr vorbei war und die Raunächte wieder ins Land zogen, hatte er immer noch den selben Traum, diesmal endete er aber nicht beim tanzenden Schneepaar, sondern er sah das Bild, wie er selbst die beiden mit dem Traktor überfuhr. Dabei hörte er eine Stimme, die ihm nahelegte, es wieder gutzumachen. Gleich am nächsten Tag machte er sich zu Fuß auf den Weg zu jener Stelle, wo das Schneepaar letzten Winter stand. Er gab sich größte Mühe. Da er das Bild durch die nächtlichen Träume klar vor sich hatte, war das Ergebnis ansehnlich. Lisa und Oliver schauten sich in dieser Nacht wieder tief in die Augen und tanzten ausgelassen. Sie hatten nun gar keine Angst mehr vor der Vergänglichkeit, denn sie wussten, dass sie in den Träumen der Menschen immer überleben würden. Weiters konnten sie jetzt auch Nachwuchs zeugen, da sie im Traum dem Bauer ein detaillierteres Bild der entscheidenden Körperregionen übermittelt hatten. So war die Wiedergutmachung perfekt. Der Bauer war von diesem Tag an von seinem Traum befreit und auch das Liebesglück war ihm bald wieder hold. 

Harald, 15. Jänner 2021

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