Die Lüge

„Gerade in einer Beziehung ist das Vertrauen und die Ehrlichkeit mir ganz besonders wichtig.“, schluchzte Debbie. George verstand die Welt nicht mehr, jetzt ging das Theater wieder von vorne los. „Nein, meine Kollegin am Set ist nicht meine Geliebte und die Kamerafrau finde ich auch nicht attraktiv“, sprach er routiniert und offensichtlich gelangweilt. Debbie zitierte ihm aus einem Artikel eines Lügenforschers und brachte ihm die Arten von Lügen näher. Sie berichtete von roten, weißen, grauen und schwarzen Varianten. George brachte noch gelb ins Spiel, was Debbie aber in keiner Weise lustig fand. Leider hatte Debbie hunderte Zeitschriften abonniert und las den ganzen Tag. Allein die Diäten aus diesen Heftchen, die er schon durchhalten musste, hatte er alle noch gut in Erinnerung. Die Steigerung waren später die Anleitungen zum Glück, diese waren wirklich erbärmlich. Er musste mit Debbie meditieren, das Universum anrufen und das Karma mittels eines angesagten Energetiker aufpeppen. Er glaubte nach diesem Fiasko nicht, dass es noch schlimmer kommen könnte. Debbie kam nun aber bei dem neuen Thema erst in Fahrt. Er würde sich – so ihr Vorwurf – immer der schwarzen Lüge bedienen und sich so auf Kosten anderer einen Vorteil schaffen. Allein beim letzten Film wirkte die von ihm gespielte Kussszene mehr als echt und diese wäre – so war sich Debbie sicher – zigmal im Vorfeld mit hoher Leidenschaft geübt worden. „Ich will mir das alles gar nicht vorstellen, du bist so grausam!“, schmetterte sie ihm nun hin. Er versuchte sich zu rechtfertigen, indem er wahrheitsgemäß ausführte, dass er attraktive Frauen nicht wirklich ausstehen konnte. „Du findest mich also unattraktiv“, heulte Debbie los. Da er an einem Punkt angekommen war, wo es nicht mehr besser werden konnte, verließt George das Haus, ging über den großzügig angelegten Garten zur Garage und öffnete das Tor. Er setzte sich an das Steuer seines Ferrari F12 Berlinetta und fuhr zu einer Wohnung unweit der Universial Studios in Hollywood. Dort öffnete ihm eine unscheinbare, kleinere Frau, die er leidenschaftlich küsste. Sie verbrachten eine aufregende Nacht, frühstückten im Bett und erreichten rechtzeitig zu Drehbeginn am Nachmittag das Set. Sie stieg aus und begab sich hinter die Kamera. Gelogen, so war George sich ganz sicher, hatte er jedenfalls nicht. Als Debbie am Abend anrief und ihm berichtete, dass die neueste Ausgabe einer Philosophiezeitschrift die Wahrheit als Form der Zuverlässigkeit betrachtete und es ihr genau darum gehen würde, war George wieder beruhigt und fuhr spät in der Nacht nach dem Dreh nach Hause, wo ihn Debbie schon sehnsüchtig erwartete.

Harald, 19. Februar 2021

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s