Der Anschieber

Udo Anschieber, der Gesundheitsminster, war zwiegespalten, was seine Laune betraf. Einerseits hatten seine Juristen in seinem Sinne gearbeitet und die von ihm gewünschten Verschärfungen zur Bekämpfung von aktuellen und zukünftigen Pandemien in atemberaubend rigide Verordnungstexte gegossen, was Anschieber richtig glücklich machte. Andererseits hatte er den Wirsing-Dinkel-Mangoldstrudel, den seine Erbtante Wurzhilda ihm per Fahrradkurier aus dem fernen Mühlviertel ins Ministerium geschickt hatte, in einem Anfall von plötzlichen Heißhunger vollständig verschlungen und litt nun an entsetzlichen Leibschmerzen, die ihn in seiner Konzentration behinderten und ihm während der Lektüre den Genuss der noch frischen Verordnungstexte vermiesten. In seinen Gedärmen wüteten monströse Blähungen, und Blähungen waren etwas, was der Minister auf den Tod nicht ausstehen konnte. Genaugenommen gab es zwei Dinge, die Udo Anschieber nicht mochte, das eine waren eben jene Blähungen und das andere waren Beziehungen, nach denen die ihm gesundheitlich anvertraute Bevölkerung immerzu lechzte. Beziehungen! Jeder, der gerade keine Blähungen hatte, lechzte nach Beziehungen, alle strebten danach, sich immerzu aufeinander zu beziehen, bei Veranstaltungen jeder Art, in großen Gruppen, bei Fußballspielen, Open-Air-Events, City-Marathons oder in kleineren Gruppen, beim Kegeln, beim Tauziehen, beim Maibaumklettern, im Kino, bei Hochzeiten und Beerdigungen, bei Boxkämpfen und beim Schlammringen, oder in kleinstmöglichen Gruppen, zu zweit, bei romantischen Abenden, spontanen Outdoorquickies in abgelegenen Alpentälern ober bei der regelmäßigen Erfüllung ehelicher Pflichten in quietschenden Doppelbetten. Besonders diese Zweierbeziehungen waren Anschieber ein Dorn im Auge, weil ihnen oft weitere Individuen entsprangen, die selbst, sobald sie in der Lage dazu waren, wieder Beziehungen eingingen und später weitere Individuen in die Welt setzten, die wieder Beziehungen eingingen. Beziehungen aber waren die Wurzeln allen Übels. Durch Beziehungen wurden nämlich immerzu jene Viren verbreitet, die überall und jederzeit Pandemien auslösen konnten. Wie aber konnte man diese unglückseligen Beziehungen so weit unterbinden, dass man sie ständig kontrollieren konnte? Udo Anschiebers kreative Ideen dazu waren in jene Verordnung eingeflossen, die er nun endlich zu lesen wünschte. Just in jedem Augenblick, als er den Ordner aufschlug, meldete sich sein Darm, in dem der sich auflösende Strudel verrückt spielte und eine übelriechende Windorgie in Gang setzte, die den Minister auf seine Amtstoilette trieb, die er sich mit moosgrünen Natursteinfliesen ausstatten hatte lassen, in die zur Auflockerung einige verspielte Ornamente eingearbeitet waren, die verschiedene Hülsenfrüchte darstellten. Anschieber ließ sich gerade noch rechtzeitig nieder und öffnete den Ordner, den er geistesgegenwärtig mitgenommen hatte. Während weitere heftige Darmwinde sich ihren Weg ins Freie suchten, las der Minister die Einleitung, die ihn so sehr langweilte, dass er gleich weiterblätterte zu jener entscheidenden Stelle, die seine Juristen ihm mit  grünem Textmarker hervorgehoben hatten. Treffen ab vier Personen gelten von nun an als Veranstaltung stand da. Während seine Darmperistaltik weiter heftig rumorte, erfreute sich Anschieber an den weitreichenden Konsequenzen aus diesem einen genialen Satz, den er selbst in die Verordnung hineinreklamiert hatte. Veranstaltungen, dachte er, konnte man untersagen, verbieten oder auflösen. Er war begeistert. Wenn schon vier Personen eine Veranstaltung waren, konnte er von nun an einen Gutteil jener schädlichen Beziehungen kontrollieren, manipulieren und ausmerzen, die den Veranstaltungen zugrundelagen und für die Verbreitung der Viren sorgten. Vier Personen! So viele neue Möglichkeiten, die sich ihm nun eröffneten! Er konnte als Minister Kartenspiele jeder Art untersagen, Tarock, Poker, Bauernschnapsen und auch andere Spiele wie Monopoly, oder Sportarten! Keine Doppel mehr bei Tennis oder Squash! Er konnte Streichquartetten das Musizieren verbieten, egal ob sie berühmt waren oder nicht, er konnte sogar die Wiedervereinigung von ABBA untersagen, Wahnsinn, und selbst die der Beatles, halt nein, von denen waren ja zwei schon tot, das ging nicht, oder, darüber musste er noch einmal gesondert nachdenken, sobald sein Darm sich beruhigt hatte, wovon in jenem Augenblick noch nichts zu spüren war, im Gegenteil. Er konnte jedenfalls Familien mit zwei oder mehr Kindern Aufenthalte in der Öffentlichkeit verbieten, dachte der Minister, das war doch etwas, oder jedenfalls nicht nichts, Familien als Veranstaltungen, oder, halt, was aber war, wenn jene Familien in wechselnden Dreiergruppen ins Freie strömten? Konnten sie so etwa die Wirkmächtigkeit seiner Verordnung unterlaufen und alles zunichte machen? Während Anschieber spürte, wie sich das Strudelmaterial weiterhin gnadenlos seinen Weg durch seinen Dickdarm bahnte, fiel ihm noch etwas weitaus Gefährlicheres ein: Triumvirate! Was, wenn völlig legal finster dreinblickende Männer zusammenkamen und Umsturzpläne schmiedeten? Wenn sie tatsächlich die Macht übernahmen und seine Verordnung wieder außer Kraft setzten? Oder wenn sich, nicht ganz so schlimm, verordnungskonform überall im Land flotte Dreier zusammenfänden und einander sexuell ergötzten? Wenn das Dreimäderlhaus aufsperrte? Oder, nicht auszudenken, wenn auch die Bee Gees  versuchten, wieder zusammen aufzutreten, halt, nein, von denen waren ja auch schon zwei  tot, das ging also auch nicht, oder, auch darüber musste er später noch einmal nachdenken. Der Strudel näherte sich unaufhaltsam dem unteren Ausgang im Darm des Ministers. Udo Anschieber fasste einen Entschluss. Der Verordnungstext musste dahingehend abgeändert werden, dass bereits Treffen ab drei Personen eine Veranstaltung darstellten.  War das aber wirklich genug? Immer noch konnten sich so die beiden noch lebenden Beatles wiedervereinigen, womöglich als Half Beatles, oder was, wenn Waterloo und Robinson wieder zueinanderfanden oder Dieter Bohlen und Thomas Anders oder Florian Silbereisen und Helene Fischer? Udo Anschieber schauderte, während er spürte, dass die finale Entladung aus seinem Darm immer näher rückte. Wenn die Zusammenkunft von drei Personen eine Veranstaltung darstellte, dann konnten zwei Personen weiterhin völlig verordnungskonform zusammentreffen und in zahllosen Zeugungsakten völlig unbehelligt weitere Personen in die Welt setzen, die wiederum bei weiteren Zusammenkünften jene Viren verbreiteten, die an den Pandiemien schuld waren. Der Minister änderte den Text noch einmal: Auch Treffen von zwei Personen stellten bereits eine Veranstaltung dar. Es ging nicht anders. Es war logisch und konsequent. In jenem Augenblick bemerkte Udo Anschieber, dass es trotz seiner Bemühungen immer noch jene kleine Lücke gab, die ihm zuvor schon aufgefallen war. Barry Gibb konnte sich immer noch mit sich selbst zu den Bee Gees wiedervereinigen. Der Minister fragte sich, ob er das wirklich zulassen wollte. Als er sich diese Frage ehrlich beantwortete, kam ihm schlagartig die Idee seines Lebens. Er schlug sich auf die Stirn. Dass ihm das nicht gleich eingefallen war! Natürlich stellte auch die Zusammenkunft nur einer Person bereits eine Veranstaltung dar! Es war genial! Personen, die noch nicht mit sich selbst zusammengekommen waren, konnte dies dann jederzeit im Voraus verboten werden! Und wenn sie es doch schon getan hatten, konnten all diese unangebrachten und schädlichen Veranstaltungen von Einzelpersonen im Einklang mit der neuen Verordnung sofort aufgelöst werden! Udo Anschieber war so stolz auf sich wie noch nie zuvor in seinem Leben. Nichts und niemand war in Zukunft mehr sicher vor einer Untersagung oder Auflösung durch sein Ministerium! In diesem Augenblick höchsten Glückes öffnete sich endlich die rektale Schleuse am Körper des Ministers und der Wirsing-Dinkel-Mangoldstrudel fuhr so krachend durch das entsprechende Rohr in die Abgründe der Kanalisation, dass Anschieber Hören und Sehen verging und es ihm schwarz wurde vor seinen Augen. Als der Putztrupp ihn am nächsten Morgen immer noch in der Toilettenkabine vorfand, war der Minister zwar bei Bewusstsein, aber völlig aufgelöst. In Tränen aufgelöst. Neben ihm lag der Ordner teilweise aufgeweicht auf dem Boden. In der Hand hielt Anschieber, wie das später angefertigte Protokoll penibel vermerkte, ein paar Blätter Toilettenpapier, die ein Scherzbold mit einem Aufdruck versehen haben musste. Der Vollständigkeit halber wurde erwähnt, dass es sich bei dem Aufdruck um einen Abschnitt aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte handelte.

Michael, 12. März 2021.

2 Kommentare zu „Der Anschieber

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