Kompensationstherapie

Cilli, die aus lauter Panik in ihren Pool gesprungen war, als sie den kleinen fremden Hund in ihrem Garten bemerkt hatte, wurde erst Stunden später von ihrem Mann Walter gerettet, als er von der Arbeit nach Hause kam. Er zog sie mit großer Kraftanstrengung aus dem Wasser. Cillis Haut war völlig aufgeweicht. Cilli war so stark traumatisiert, dass sie nach dem Vorfall tagelang schwieg. Der Psychotherapeut Dr. Eisvogel, den sie schließlich aufsuchte, riet ihr zu einer Kompensationstherapie. Sie solle das in ihr verursachte Trauma dadurch kompensieren, dass sie ihrerseits einen Hund in ihren Pool scheuchte, der dann gezwungen wäre, dort ein paar Stunden lang auszuharren. Weil dies aus Gründen des Tier­schutzes mit einem lebendigen Tier kaum zu vertreten war, riet ihr der Therapeut zu einem batteriebetrieben Spielzeughund. Walter besorgte einem Spielzeugladen ein entsprechendes Stofftier, das sogar mit einer Fernbedienung ausgestattet war. Dr. Eisvogel erklärte sich dazu bereit, die praktische Anwendung seines Therapievorschlags vor Ort am Pool zu überwachen. Cilli setzte dem braunen Plüschdackel die mitgelieferten Batterien ein, machte sich mit der Fernbedienung vertraut und ließ den Hund zur Probe ein paar Mal bellen. Dann gab der Therapeut das vereinbarte Zeichen, auf das hin Cilli den Dackel in Richtung Pool lenkte. Das künstliche Tier überwand den Beckenrand, stürzte ins Wasser, gab augenblicklich den Geist auf und sank hinunter zum Boden. Gerade als Dr. Eisvogel Cilli für ihre Entschlossenheit loben wollte, warf seine Klientin plötzlich die Fernbedienung weg und sprang dem Stoffhund hinterher. Sie tauchte nach dem Spielzeugtier und barg es mit einiger Mühe vom Grund. So könne seine Kompensationstherapie aber nicht funktionieren, sagte der Therapeut, als Cilli wieder an die Wasseroberfläche kam. Im Gegenteil, die vorzeitige Rettung des Kompensationsobjektes könne ihr, Cillis, Trauma als Erstgeschädigte noch weiter verstärken. Da nahm Cilli all ihren Mut zusammen und ersuchte Dr. Eisvogel, es gut sein zu lassen. Der künstliche Dackel tue ihr entsetzlich leid. Selbstverständlich werde sie die Rechnung für den Therapieversuch begleichen. Nun habe sie aber Wichtigeres zu tun. Sie müsse einen Hund wiederbeleben. Sie verabschiedete sich von Dr. Eisvogel und bat Walter, sie ins Haus zu begleiten und ihr zu assistieren. Ihr Ehemann hielt artig das Spielzeugtier fest, während Cilli es mit ihrem Haarfön auf der höchsten Stufe trocken blies.

Michael, 16. April 2021

3 Kommentare zu „Kompensationstherapie

      1. Ja das ist es! Aber was ist dir Alternative? Nicht schreiben? Kreativität zum Schweigen bringen?
        Dafür ist das weltweite Pflaster viel zu hart und hat jedes heilende Trostpflästerchen in Tat und Wort dringend nötig.
        Weitermachen! Passion.

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