Gastbeitrag: Wie es kam, dass Herr Emm eine Kurzgeschichte schrieb

Zu einer Zeit als man in Spanien olympische Spiele abhielt und im Fernsehen nur das Wasserballfinale Spanien : Italien lief, setzte sich Herr Emm an seinen Computer und tippte folgende Zeilen:

Ein Unfall

(eine Kurzgeschichte von Herrn Emm)

In der Ferne erstarb das Heulen des Martinshorns. An der eben geweißten Wand des „Bauer auf da Leidn“-Hofes klebten frische Mistpatzen, die die durchdrehenden Räder des abfahrenden Rettungsautos dorthin befördert hatten. Im Hof stand der weiße Golf des örtlichen Gendarmeriepostens mit noch immer blinkendem Blaulicht.

„Franz, des Blaulicht kannst jetzt abschalten.“ sagte der Gemeindearzt Dr. Grubmair zum Dorfgendarmen, dem Revierinspektor Franz Reiterer.

Reiterer nickte, ging zu seinem Wagen und schaltete des Blaulicht aus. Außer den zwei Männern stand noch die Magd Theresia Gruber auf dem Hof. Sie war noch jung und nach einhelliger Meinung der männlichen Ortsbewohner „a saubas Mensch“. An diesem Tag jedoch war ihr Gesicht blass und sichtlich vom Schock gezeichnet.

„Oisdann, Theresia, ich mein‘ Frau Gruber, jetzt tust ma des alles zu Protokoll geben, und dann hammas a scho wieda,“ meinte der Gendarm durchaus freundlich.

„Is recht, oba sitz ma uns in d‘ Kuchl, da is wärma.“

Schweigend folgten die zwei Männer der Magd in die Küche.

„Woits an Speck und an Most?“

„Nachad vielleicht“

„Oda a Schnapsal? Koid is.“

„A Schnapsal wa recht. Du a Dokta?“

„Jo, bittschen.“

Theresia holte eine Flasche Hausbrand und zwei Stamperl aus der Küchenkredenz und schenkte ein.

„Aah, der is guad!“ stellte der Doktor fest

„Is a wos B’sundas, von Bauan sein Vodan no. Er söbn brennt weid net so guat. Megts no an?“

„Zuerst die Arbeit, Theresia, jetzt vazöl amoi.“ Umständlich kramte der Dorfgendarm einen zerfledderten Notizblock und einen Bleistift aus der Uniformjacke.

„Es war aso: I bin im Stadl gwe‘n und und hab‘ mit’n Häxler Äst ghäxlt. Mi‘n oidn Häxla, dem großen, weil es war‘n scho a poa dickere a dabei. Am Anfang is a no recht guad gangan, oba bei die dickan do hod a scho manchmoi gspunna. Oba des woa ned so tragisch, weil des bin i scho gwohnt. I hob einfach die Abeckung oba tan, wo ma die Äst einischiabt und dann gehts eh. Ma muaß hoid aufpassn, dass man a jed‘s moi ausschoit, wann wieda a Ast hängan bleibt. Weu a Finga is schnell weg, sunst. Wia i ungefähr a Stund so g’häxlt hob, is ma wieda a Ast hängan bliebn. Dabei is a goa ned so dick g’wesn. Wia i mi oiso grad obibuck, dass i eam ausschalt, da merk i, wia mi von hintn wer hoit. Es is da Baua gwesn. Er hod mi so vun hintn gnumma, mit ana Hand hat er mir auf’d Brust griffn und mit da andern is ma untan Kittl einigfoan. Dann hod a ma a Bussl aufidruckt. I hob mi natürlich g’wehrt, und gsogt: ‚Jetzt gib‘ a Ruah, siagst ned, dass i arbeiten muaß, i wü des ned, des waßt genau.’ des hob i wirklich gsogt zu eam.“

„Entschuldigung,“ unterbrach der Arzt, „du hast grad gesagt, dass er des genau g’wußt hat, dass du des ned willst, is sowas öfters vorgekommen?“

„Na jo, a poarmal schon. Oba üba des wü ned red’n. Des muaß do ned sein, oda?“

„Schlecht wä‘rs ned.“ meinte Revierinspektor Reiterer. “Damit i a bissl was über die Hintergründe erfahr, weil des is scho a ernste Sache.“

„Also gut, wann’s wirklich sein muaß.

Angfangen hat des, da woa i no ned recht lang do am Hof. Im Summa woas. Mia san alle beim Zeltfest gwes’n, -von da Feiawehr-, und so umma hoibe ans bei da Nacht bin i dann mit’n Radl hamgfoan. Üban Berg auffi hob i natürlich absteign miassn und schiabn, und do is er mit’n neichn Traktor kumman. Wia er mi kennt hod, is er steh‘n bliebn und hod mi gfrogt ob i mitfoan will. I hob ma weida nix denkt, hob’s Radl aufn Anhänga g’hobn und bin aufgstiegn. Und dann san ma gfoan. Wia ma im Woid drin woan is auf amoi in des Wegerl obogn und beim Hochstand ungefähr is a stehn bliebn. ‚Lass di amoi anschaun‘, hod er gsogt, und hod die‘ Innenbeleuchtung von da Kabin eingschoitn.

‚bist a saubas Dirndl, kummst ma grad recht und amoi muaß ja do sein, oiso warum ned glei’ hod no gmant und dann hod er mir am Busn hingriffn. I hob natürlich gsogt, dass er aufhean soll, oba er hod nur gsagt ‘Dank dran, wias da Anna gangen is, deina Vorgängerin bei mia am Hof. Di hod a glaubt sie kann „na“ sogn zu mia’. Die Anna hod er nämlich aussighaut, und dann hat’s nirgends mehr a Arbeit kriagt auf an Hof, weil er nämlich beim Bauernbund a was Höchas is. Aba bei der wars ned so schlimm, weil die war scho valobt damals, mit an Spengler den was am Hof kennenglernt hat, wia was zum Herrichten woa. Oba sie hätt‘ hoid gern no a, zwa Joa g‘arbeitet, damit’s leichta geht beim Hausbauen dann. Sie hod hoit dann glei g’heirat und no zwa Joa in da Fabrik g’arbeitet. Und jetzt is Haus a boid fertig. Nur i hab hoit kan Valobtn ghabt und sunst a nix aussa meina Arbeit. Und aussadem war er damals b’soffn und i hob Angst g’hobt dass er mir was tuat wann i na sog. Und dann hob i ma denkt ‘Passiern kann eh nix“, weil i nehm‘ eh die Pille, weil ganz deppert bin i jo a ned, oiso hob i eam hoid tuan lassn.“

„Wia? Auf’m Traktor?“ fragte der Gendarm.

„Na, auf’m Anhänger, weil da woa a Heu drauf, weil er do die Bierfassln für‘s Zeltfest von da Brauerei g’holt hat damit. Und damit’s ned woam wird, hat er’s ins Heu einpackt. Und des woa hoit des erste Moi, dass er’s g’macht hat.“

„Is denn no öfter vorkuman?“ wollte Dr. Grubmaier wissen.

„Ja. Z‘erst hod er mi a hoib‘s Joa in Ruah g’lassn. Obs dann is wieda passiert. Dann hob i wieda poa Monat a Ruah g’hobt, so viere oda so und dann wieda, diesmal im Stadl. Und so san hoit die Abständ imma kürza wordn. Und imma nur im Stadl. Zum Schluss woas scho alle vierzehn Tog. Oft wollt i scho nimma in Stadl geh’n, wann wenn er am Hof woa, so Angst hob i g’hobt. I hob zwoa imma gsogt er soll des ned mochn, oba i glaub er hat g’mseint des g’heat dazua oda so, und weil i sonst nix g’mocht hab, is hoit immer weidagangen. Oba was hätt’ i denn tuan solln? I brauch do die Arbeit. Als Magd kummst heid a nimma so leicht unta, obwohl i auf da Schul’ war und an Abschluss hob. Und heit hat er wieda angfangen. Er hat mi so von hintn ghoitn, wia i erst scho g’sagt hob, und wia i g’merkt hob, dass er sei Hosn obizogn hat, do woas ma z’viel. Do hob’ i nach hint’n ausg’haut und eam an Renna geb’n, dass eam daunig’haut hod. Irgendwie muaß er den Ast, der was no im Häxla g’steckt is aussidruokt ham, und weil da Häxla no ned ausgschoitn woa, do is hoit passiert. So des is mei G’schicht. Jetzt hob‘ i eich ois g‘sogt. Mögts jetzt an Most und an Speck?“

„Jo, bittschen.“

„Bitte“ ‘ sagte auch der Arzt.

Theresia trug Speck, Brot und Most auf. Dazu ein Schneidbrett ein scharfes Messer und Gläser.

„I muaß jetzt Saufuadan. Ihr nehmts euch eh?“

Der Gendarm und der Gemeinde- zugleich Amtsarzt, blieben alleine kauend und schweigend in der Küche zurück.

„Des is a G’schicht, was Dokta.“

„Glaubst is woa?“

„Mog scho sein. Wie er no jinga woa da Baua, da san a paar ähnliche Vorfälle g’wesen. Aber die Anzeigen san immer z’ruckzogen worden. Des hat ihm wahrscheinlich sein Vater immer g’richt. Du wirst nix wissen davon, weil du warst damois ja studiern in Wean. Aber dann war eigentlich a Ruah. Wie sieht aber nua scheinbar, is hoit nix aufkummen. Aber was schreib i jetzt in mein Bericht?“

„Schreibst halt: Nach Aussage der am Hof beschäftigten Magd Theresia Gruber rutschte Josef Baumgartner beim Holzzerkleinern ab und geriet in den laufenden Häcksler. I geh‘ morgen zu ihm ins Krankenhaus und sag ihm, dass er dasselbe sagen muss, sonst gibt’s nur einen Haufen Scherereien, vor allem für die Theresia, und das wollen wir ihr doch ersparen, nach allem was sie durchgemacht hat. Weil am End‘ kommt sie noch wegen Körperverletzung dran, so wie ich unsere Gerichte kenne.“

„Aber was soll ich sagen, wenn irgendwer fragt warum er ka Hos‘n ang’habt hat?“

„Schreibst einfach in dein‘ Bericht: Der zur Erstversorgung herbeigerufene Gemeindearzt entfernte zu diesem Zwecke die Hose.

„Des is guat.“

„Und i werd‘ schaun, ob i ned für die Theresia a andere Anstellung krieg.“

„Guat, Dokta. Nur ans no. I muaß in mein Bericht auch die Art der Verletzung angeben. Des geht ja ans Landesgendarmeriekommando, da kann i do ned schreiben: Es riss ihm den….die…, du woast scho…. Dokta“

„Schreib einfach: …büßte seine Männlichkeit ein.“

Nachsatz:

Theresia Gruber ging als Entwicklungshelferin nach Afrika, heirate dort einen einheimischen Arzt, brachte drei gesunde Kinder zur Welt und ist nach wie vor als Beraterin bei mehreren landwirtschaftlichen Projekten in ihrer neuen Heimat tätig.

© Herr Emm 1992

So kam es, dass Herr Emm eine Kurzgeschichte schrieb. Das Wasserballfinale endete 9:8 (n.V.) für Italien.

Glossar:

Gendarmerie: Die Bundesgendarmerie war ein ziviler, jedoch nach militärischem Muster organisierter Wachkörper auf Bundesebene in Österreich. Sie war polizeilich für rund zwei Drittel der Bevölkerung auf etwa 98 % des österreichischen Staatsgebietes zuständig (Wikipedia.de). 2005 in die Bundespolizei eingegliedert.

Linz, 1992/2021 © Martin Siegel

2 Kommentare zu „Gastbeitrag: Wie es kam, dass Herr Emm eine Kurzgeschichte schrieb

    1. Danke für den wohlmeinenden Kommentar. 1992 konnte ich auf Google keine Rücksicht nehmen weil damals noch nicht einmal Altavista online war. Wäre ich so visionär gewesen hätte ich mich 12 Jahre später mit Google Aktien eingedeckt 😉

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