Die Macht der Bedeutung

Balthasar, ein Knecht, der sich am Truhentag zu Lichtmeß anschickte, sich nach einem Jahr harter Arbeit auf dem Hof auf den Weg zu machen und sich fürs kommende Jahr einen neuen Dienstherrn zu suchen, brachte es nicht übers Herz, sich von der Magd Rosina persönlich zu verabschieden, die ihm mehr als ans Herz gewachsen war und die noch ein weiteres Jahr auf dem alten Hof blieb. Er wollte Rosina in der Nacht, bevor er aufbrach, jedoch noch einen letzten Gruß hinterlassen. Weil er aber des Schreibens nicht mächtig war, bat er den Großknecht Gustav, der ihm noch einen Gefallen schuldete und der die Buchstaben mehr schlecht als recht beherrschte, um Hilfe. Gustav, der sich ebenfalls um Rosina bemüht hatte, bei ihr aber abgeblitzt war, erklärte sich bereit, mit Kreide in Balthasars Namen etwas an die Tür zu Rosinas Kammer zu schreiben, wenn es möglichst kurz war. Balthasar, der auch in der direkten Rede kein Mann großer Worte war, bat Gustav, dass er bloß „Gute Nacht“ schriebe. Gustav, den die Zurückweisung durch Rosina insgeheim immer noch ein wenig wurmte, schrieb im Beisein Balthasars an Rosinas Tür „Gustavs Magd“ anstelle von „Gute Nacht“. Balthasar, der sah, dass es zwei Worte waren, war zufrieden, bedankte sich und zog dann schweren Herzens in der Dunkelheit in die Ferne. Rosina, der wegen Balthasars Weggang auch ein wenig schwer ums Herz war, konnte in dieser Nacht nicht einschlafen und trat wenig später noch einmal hinaus vor ihre Kammer, um sich bei ein paar Schritten durch die kalte Nacht auf andere Gedanken zu bringen. Als sie die Tür hinter sich schloss, bemerkte sie die ungelenken Kreidebuchstaben, die außen auf dem Holz prangten. Sie war sich sicher, dass Balthasar sie ihr zum Abschied als einen Gruß hingemalt hatte, wusste aber, da auch sie weder lesen noch schreiben konnte, nicht, was sie bedeuteten. Nachdem sie sich auf dem langen Flur nach links gewandt hatte, um den Weg ins Freie anzutreten, erschrak sie plötzlich heftig, als sie eine Hand an ihrer Hüfte spürte. Als sich herumdrehte, sah sie, dass es nur die achtjährige Tochter des Bauern war, die, wie sie klagte, vom schrecklich hellen Mondlicht aufgewacht war. Da fiel Rosina ein, dass das Kind vom Bauern, wenn auch zu dessen Missfallen, seit einiger Zeit in die Schule geschickt wurde, wie es neuerdings Pflicht war. Rosina fragte das Mädchen, ob es ihr vorlesen könne, was auf der Tür stünde. Die Achtjährige kniff die Augen zusammen und gab mit Hilfe des Mondlichts ihr Bestes. Auch wenn die Schrift sehr häßlich wäre, sei sich fast ganz sicher, sagte sie schließlich zu Rosina, dass da jemand „Gute Nacht“ geschrieben hätte. Da wurde es Rosina ganz warm ums Herz, weil Balthasar noch einmal an sie gedacht und sie gegrüßt hatte. Sie bedankte sich bei dem Mädchen, das sich aus lauter Müdigkeit nun doch wieder auf den Weg zu seiner Liegestatt machte. Mit einem Mal brauchte Rosina keinen nächtlichen Winterspaziergang mehr. Sie blieb noch eine Weile vor ihrer Kammer stehen und prägte sich die Buchstaben wie ein Bild fest ein und verwahrte es in ihrem Gedächtnis. Dann wischte sich die Kreideschrift, die ja nur für sie bestimmt war und die niemand sonst zu lesen brauchte, von der Tür, trat in ihre Kammer und begab sich wieder zur Ruhe.

Michael, 28. Mai 2021

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