Arianes Altruismus

Ariane dachte nach über den angeblichen Altruismus von Ameisen. Sie versuchte sich in eine Ameise hineinzuversetzen und wie eine Ameise zu denken, aber dann fiel ihr ein, dass sie gern abschweifte beim Denken und dabei vom sogenannten Hundertsten ins sogenannte Tausendste kam und dass diese Abweichungen höchst individueller Natur waren und eben in ihrer Individualität von vornherein die Unmöglichkeit jedweden Altruismus bedeuteten. Wie konnte die Quadratur dieses Kreises gelingen? Sollte sie, Ariane, nicht versuchen, wie eine Ameise zu denken, bzw. nicht zu denken, sondern vielmehr, wie eine Ameise zu sein? Aber war es nicht gefährlich, eine Ameise zu sein und dabei nicht zu denken? Lauerte nicht gerade in dem erforderlichen Altruismus eine tödliche Gefahr für eine einzelne Ameise? War nicht aber gerade das Negieren dieser Gefahr das entscheidende Charakteristikum für den Altruismus von Ameisen? Was gab Ariane auf in jenem Augenblick, in dem sie sich dafür entschied, altruistisch wie eine Ameise zu sein? Hieß es ab diesem Zeitpunkt für sie nur noch: Eine für alle? Verwirkte sie durch diesen Schritt ihr Rückkehrrecht in ein menschliches Dasein? War nicht sogar der Verzicht auf dieses Rückkehrrecht eine unabdingbare Voraussetzung für ein glaubhaftes Weiterleben unter dem Altruismusdiktat einer Ameise? Beinah schon verzweifelt rang Ariane um die Möglichkeit eines Kompromisses. Sollte sie versuchen, wie eine ganze Ameisenkolonie zu sein und das Denken, das sie als Reflexionsmodell und als Rettungsanker für die Rückkehr in die humane Ursprungsexistenz ansah, ins kollektive Bewusstsein der Kolonie, die sie dann repräsentierte, hinaufzuverlagern? Stellte dies nicht bloß einen Akt resignativer Distributionsromantik und kognitiver Verzweiflung dar und offenbarte gerade dieser Vorstoß nicht in unwiderlegbarer Klarheit die Undurchführbarkeit von Arianes Verwandlung in eine einzelne Ameise? War womöglich der modifizierte Ansatz, eine Ameisenkönigin zu verkörpern, ein gangbarer Ausweg aus der tückischen Denkfalle, die in der ganzen Angelegenheit für jenes Gefühl der Hilflosigkeit sorgte? Wohl auch nicht, denn eine Königin verbrachte ihr Leben mit altruistischem Eierlegen und nicht etwa mit Überlegungen zur Ausgestaltung des Hügels oder der Hochrechnung des Beutebedarfs oder der Erarbeitung eines edukativen Wertekanons für eine Ameisenschule. Wie aber konnte Altruismus überhaupt nachhaltig und tief genug verstanden werden, wenn sich keine Gelegenheit auftat, ihn wenigstens eine Zeitlang selbst zu leben? Am Ende blieb Ariane ernüchtert in Adams Bar hängen und ließ sich wie ein Mannsbild mit Rum volllaufen, bis sie keinen einzigen weiteren Schluck mehr schaffte, nachdem sie ihre Gedankenströme fast vollständig zum Versiegen gebracht hatte. Erst als Adam, der Ariane noch weit über die Sperrstunde hinaus Gesellschaft leistete, zudringlich wurde und ihren Zustand ausnutzen wollte, um sie in sein Bett zu bekommen, war ihr Verstand als Resultat eines unerklärlichen Willensaktes plötzlich wieder so klar, dass sie ihrem durch die exzessive Rumzufuhr erzeugten, künstlichen Altruismus von einem Augenblick auf den nächsten entsagte, Adam ihr Knie in sein Gemächt rammte und sich ein Taxi rief, während der solcherart in die Schranken Gewiesene sich stöhnend auf dem Boden krümmte. 

Michael, 04. Juni 2021.

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