Die Traumfrau

In der Volksschule begann die Suche nach der Traumfrau mit Julia, Petra und Gabi. Die Hauptschule nutzte er bereits für ernsthaftere Beziehungen, die aber maximal zwei Wochen, meist aber nur Tage, dauerten. Bis zur Matura – der Führerschein war so etwas wie ein Turbo – war trotz intensiver Suche und Prüfung eine Traumfrau noch immer nicht gefunden. Eigentlich hätte er laut einem Berufsorientierungstest unbedingt ein technisches Fach an der Universität belegen sollen. Der Frauenanteil war unterirdisch, also studierte er Pädagogik, deren Frauenanteil bei 86 Prozent lag, immer noch für eine Traumfrau vermutlich nicht genug, aber deutlich besser als Technik. Er unterrichtete später an einer höheren Schule, was nach drei Jahren zu deutlichen Verwerfungen mit der Direktorin, den Eltern und dem Schulqualitätsmanager führte, da ihm verschiedenste Affairen mit Schülerinnen nachgesagt wurden und seine Suche nach der Traumfrau auf deutliches Unverständnis stoß. So wechselte er an die Universität und habilitierte. Sein Verhalten veränderte er nicht, wie denn auch, wenn er seine Traumfrau noch nicht gefunden hatte, aber hier schien das keinen mehr zu stören. In der Lebensmitte kam ihm sein Leben verantwortungslos vor und er nahm die Dienste einer Psychologin in Anspruch. Doch auch diese Therapie ging nach vier Sitzungen buchstäblich in die Hose, die Traumfrau – soviel war nach drei Tagen klar – war sie nicht. Kurz vor seiner Pensionierung probierte er es mit einem Psychologen, der mit ihm unter anderem in der Kindheit herumstocherte. Vermutlich hatte er Probleme mit Autoritäten durch den starken Vater und außerdem eine ausgeprägte Beziehungsangst. Diese Bindungsstörung würde er hinter seiner lebenslangen Traumfrausuche gekonnt verstecken. Es gelang trotz über 60 Sitzungen nicht, das Nähe-Distanz-Dilemma aufzulösen. Zwei Jahre nach der Pensionierung läutete es an einem Samstagnachmittag an seiner Tür. Davor stand eine Frau um die 35 mit einem Kind. Sie eröffnete ihm, dass er der Vater von Lina wäre. Er konnte es nicht fassen, aber nach dem siebten Vaterschaftstest war ihm klar, es konnte kein Irrtum vorliegen. Ihre Mutter hatte das Studium beendet und war als Lehrerin in der Nähe beschäftigt. Er fand gefallen an seiner Tochter, die ihn immer als Opa bezeichnete, was für ihn aber nachvollziehbar war. Nach ein paar Jahren bog sie mit der Frage um die Ecke, warum seine Omas immer wechseln würden und so viel jünger als er wären. Er fasselte davon, dass er eben die richtige Oma noch nicht gefunden hätte. Kurz vor seinem hundertsten Geburtstag fühlte er sich etwas schwächer. Sein Leben und die Suche nach der Traumfrau war doch ein einziges Versagen, ein erfolgloses Dasein, zu nichts geführt. Am 100. Geburtstag wurde eine relativ große Party ausgerichtet, die seine Tochter organisiert hatte. Nicht wenige Omas – die Tochter nannte sie Beziehungsopfer – waren gekommen. Auf die Reden hätte er verzichten können, er war noch immer leicht deprimiert von seiner lebenslangen, nicht zum Abschluss gelangenden Traumfrausuche. Dann kam aber Lina an die Reihe und zitierte am Schluss jemanden, der ihm ein Licht aufgehen ließ. „Du hast nicht versagt. Du hast 10.000 Wege gefunden, wie etwas nicht funktioniert.“ Als er unter leichten Alkoholeinfluss und unter Feierlaune der Pflegerin an ihr Gesäß griff, wusste er, dass er Edison mit dem 10.001 Weg heute Nacht, wenn die Lichter ausgehen, noch schlagen wird.  

Harald, 04. Juni 2021.

2 Kommentare zu „Die Traumfrau

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