Shrimps

Als ich diesmal zur Therapie komme und mich auf die Couch fläze, stelle ich fest, dass Dr. Eisvogel heute eine Frau ist. Weil ich mich sofort ein wenig ins sie verliebe und gern klare Verhältnisse habe, spreche ich sie gleich darauf an.

„Hat es einen bestimmten Grund, Doktor“, frage ich, „dass sie heute eine Frau sind oder handelt es sich bloß um eine Laune des Zufalls?“

„Es ist eine Ahnung“, erwidert meine Therapeutin. „Ich dachte mir, dass Sie heute mit mir über Gefühle sprechen wollten. Dafür, meine ich, ist eine Frau besser geeignet.“

„Donnerwetter, Frau Doktor!“, rufe ich anerkennend. „Sie liegen mit beiden Annahmen nach meinem Dafürhalten richtig! Ich wollte tatsächlich über Gefühle reden und ich bin wie Sie der Meinung, dass das mit einer Frau leichter geht.“

„Fein“, sagt Dr. Eisvogel. „Dann legen wir gleich los. Wo drückt Sie denn der emotionale Schuh?“

„Es geht ums Essen“, erkläre ich. „Und ums Gegessenwerden.“

„Diesbezüglich müssen Sie sich keine Sorgen machen“, sagt meine Therapeutin. „Beim Essen dürfen Sie die allererstärksten Empfindungen haben, ohne dass Sie deswegen ein schlechtes Gewissen haben müssen.“

„Es geht nicht um meine Gefühle, Doktor“, sage ich. „Oder wenn doch, dann nur indirekt.“

„So?“, fragt Dr. Eisvogel einigermaßen konsterniert. „Um wessen Gefühle geht es dann?“

„Um die von Shrimps“, sagt ich. „Sofern sie überhaupt welche haben.“

„Ich bin nicht sicher, ob ich mich verhört habe“, erwidert die Therapeutin. „Sagten Sie Shrimps?“

„Genau“, bestätigt ich. „Ich bin doch schon seit längerem Vegetarier. Hin und wieder überkommt mich ein Heißhunger auf Shrimps, dem ich allerdings nicht nachgebe. Ich gestehe allerdings, dass sie mir fehlen.“

„Und worin genau besteht das Problen?“, hakt Dr. Eisvogel nach. „Wenn Ihnen der Sinn nach Shrimps steht, dann gestatten Sie sie sich doch! Seien Sie in Zukunft ein Shrimpovegetarier.“

„So einfach ist das nicht, Doktor“, erwidere ich. „Shrimps kann ich nur dann verzehren, wenn ich weiß, dass sie keine Gefühle haben. Wenn ich zum Beispiel die Gewissheit hätte, dass sie sich ängstigen, sobald sie das Tuckern der herannahenden Kutter hören, brächte ich es nicht mehr übers Herz, auch nur die kleinste Garnele unbeschwert zu verzehren.“

„Sehen wir doch nach“, schlägt Dr. Eisvogel vor. „Im Internet.“

„Eine gute Idee!“, bestätige ich. „Verlieren wir keine Zeit.“

Dr. Eisvogel klappt ihren Computer auf und winkt mich zu sich hinüber. Sie formuliert eine entsprechende Anfrage an eine Suchmaschine und lässt sich die Ergebnisse anzeigen.

„Forscher gehen davon aus“, liest meine Therapeutin, „dass Flusskrebse und Garnelen ein Schmerzempfinden haben.“

„Sehen Sie, Frau Doktor!“, rufe ich triumphierend. „Ich habe recht. Lesen Sie doch bitte weiter.“

„Ein wenig ins Philosophische ragt es aber doch!“, sagt Dr. Eisvogel. „Mit unserem Schmerzempfinden könne man das der Garnelen nicht vergleichen, steht hier. Es gelte auch, das Phänomen zu beachten, dass Garnelen sich ramponierte Körperteile an Sollbruchstellen einfach abbissen, was sie aber wohl nicht täten, wenn die Schmerzen dabei nicht erträglich wären. Wir können die Krustentiere allerdings leider nicht fragen, wie sie Schmerz empfinden.“

„Danke, Frau Doktor“, erwidere ich. „Mir genügt das schon. Weil für mich ein Restzweifel bleibt, werde ich weiterhin auf Shrimps und Flusskrebse verzichten.“

„Wie Sie meinen“, sagt meine Therapeutin. „Die Hauptsache ist, dass Sie sich damit wohlfühlen.“

„Das werde ich“, versichere ich. „Sie waren als Frau noch um einen Tick empathischer als sonst, Doktor! Das nächste Mal dürfen Sie aber gern wieder ein Mann sein.“

„Wir werden sehen, wie die Hormone sich entscheiden“, erwidert Dr. Eisvogel und zwinkert mir vielsagend zu. „Lassen wir uns überraschen.“

Michael, 11. Juni 2021

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