Das Fräulein von Scandaleri

„Ich habe ihn erschossen…“, hauchte sie. Anette war 37, seit fast zwanzig Jahren Autorin, konnte davon kaum leben. Die Leserzahlen gingen seit Jahren den Bach hinunter, auf ihren Leserreisen kannte sie jeden Leser und jede Leserin mittlerweile persönlich mit vollem Namen. Sie hatte das Gefühl, die Bücher würden nur mehr als Mitleid gekauft und das nicht ohne Grund. Es war in einem kleinen Ort in Niederösterreich. Sie beobachte eine Buchkäuferin, die beim Verlassen das Buch wie ein gebrauchtes Papiertaschentuch in der Mülltonne entsorgt hatte. Sie blieb nach der Lesung im Auto, wartete bis alle weg waren und nahm das Buch zwischen dem ganzen Müll heraus. Bei der nächsten Lesung verkaufte sie dieses Buch problemlos wieder. Sie durchkramte danach wiederum die in der Nähe befindlichen Mülltonnen, fand eine tote Katze, neue T-Shirts und eine aufblasbare Puppe in Lebensgröße, kein Buch. Also musste ein neuer Plan her. Die Adressen der vermeintlichen Leserinnen und Leser waren schnell herausgefunden. Eine offene Terrassentür, ein gekipptes Fenster und keine zwei Minuten später war sie auch aus den Häusern und Wohnungen wieder verschwunden. Keine Einbruchsspuren, keine einzige Anzeige, die neuerworbenen Bücher fehlten wohl wirklich niemanden. Seit drei Monaten verkaufte sie nun die selben Bücher zigmal und holte sie sich jedesmal wieder zurück. Auf diese Weise reichte eine Kleinstauflage von nicht einmal hundert Büchern zum Leben. Alles ist gut gegangen, bis ihre Leserreise sie nach Hoffmannsdorf führte. Die Auflage schmolz auf 15 Bücher mittlerweile zusammen und es hätte der Abschluss einer durchaus geglückten Leserreise sein sollen. Sie konnte an diesem Abend alle verbliebenen Bücher verkaufen und musste nur noch ihr Autorenexemplar zurückholen und dann wäre dieses Romanprojekt abgeschlossen gewesen, eine Autorin ohne Eigenexemplar wäre schließlich undenkbar. Die ersten drei Häuser waren völlig abgeriegelt, vergittert, keine Chance. Auch die nächsten Versuche scheiterten kläglich, Alarmanlagen, Hunde. „Was ist nur in Hoffmannsdorf los?“, fragte sie sich leise. Hoffmannsdorf in einem der sichersten Länder der Welt schien sich zu verbarrikadieren, förmlich abzuriegeln. Ein Haus hatte gar einen Stacheldrahtzaun, der über drei Meter aus dem Boden ragte. Bewegungsmelder, gesicherte Kellerfenster, Videokameras, es wurde nicht besser. Beim letzten Haus angekommen musste Anette alles riskieren. An einem Einbruch war nicht zu denken, da auch hier keine Schwachstelle zu entdecken war. Sie läutete als letzten Ausweg und hatte vor, das Buch redlich zurückzukaufen. Der Besitzer öffnete zuerst gar nicht und erklärte ihr über die Videosprechanlage, dass er kein Interesse hätte dieses Buch jemals wieder zu verkaufen, da dies ein Siebtel seiner Bibliothek darstellte. Sie merkte schnell, dass sie ihren Plan ändern musste. „Aber ich darf es zumindest signieren, wo ihnen dieses Buch doch so viel bedeutet“, meinte sie. Dies schien dem Besitzer nun recht zu sein und er antwortete, dass sie ein paar Minuten warten sollte. Sie hörte das Öffnen mehrerer Sicherheitsschlösser und Türen. Nach einiger Zeit stand er vor ihr mit dem Buch. Sie zückte einen Kugelschreiber, den sie bei Leserreisen immer dabei hatte und bat um die Übergabe des Buches. Er wollte es zuerst gar nicht loslassen, schließlich gab er ihr das Buch sichtlich nervös doch. Kaum hatte sie es in Händen, lief sie los. Die Einfahrt hinunter hörte sie bereits nach zehn Metern den ersten Schuss, der nur knapp sein Ziel verfehlte. Der Mann hatte eine Pistole eines österreichischen Präzisionswaffenherstellers in der Hand und war gewillt, das gestohlene Buch mit allen Mitteln zurückzuholen. Sie versuchte im Zick-Zack-Kurs zu entkommen, schließlich ging es um das letzte Exemplar. Einige Schüsse später hörte sie einen dumpfen Aufprall. Der Besitzer dürfte über einer seiner aufgestellten Sicherheitsdrähte selbst gestolpert sein und die Waffe kullerte nun am Boden in ihre Richtung. Sie hob die Waffe auf. Er erhob sich, griff in seinen Stiefel und zog ein zwanzig Zentimeter langes Messer heraus. Wutentbrannt lief er auf sie zu und brüllte wie von Sinnen, sie solle das Buch sofort rausrücken. Kurz hat sie sich über einen so engagierten Leser gefreut. Fünf Meter bevor er sie erreichte, drückte sie aber dann doch ab. Sie traf ihn unglücklich und er sackte sofort tot zusammen. Vor Schreck lies sie die Waffe fallen. Mit zittrigen Händen setzte sie sich auf den Boden und öffnete die erste Buchseite. Lesen hatte sie doch immer beruhigt. Keine fünf Minuten später kam ein Streifenwagen. Ein Polizist stieg verärgert aus. „Könnt ihr Idioten nicht einmal eine Nacht Ruhe geben? Schüsse auf Schatten, Fehlalarme, …“, schrie er Richtung Eingangstür, wurde aber schnell leise, als er die Leiche sah. Er kam auf Anette zu und sie hauchte ein zweites Mal: „Ich habe ihn erschossen…“. Er lächelte und meinte lapidar: „Ein Idiot weniger!“. Nachdem er sich den Sachverhalt erklären lies, wischte er die Pistole ab, drückte sie dem Toten wieder in die Hand und rief die Notärztin an. Dieser stellte den Totenschein aus, ein typischer Schussunfall, mittlerweile der siebzehnte in diesem eigentlich sicherem Ort. Der Polizist, ein echter Helfer in der Not, und Anette heirateten drei Monate später und gingen auf Reisen. Ihr neuer Roman, eigentlich ein Tatsachenbericht inspiriert durch die Geschehnisse in Hoffmannsdorf, mit dem Titel „Das Fräulein von Scandaleri“ wurde ein Bestseller. Aus Hoffmannsdorf hörte sie nie wieder etwas.

Harald, 18. Juni 2021.

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