Hände waschen

Seit ich arbeitslos bin, verbringe ich die meiste Zeit zu Hause. Meine Briefmarkensammlung ist inzwischen perfekt geordnet. Ich langweile mich und bin sehr dünnhäutig. 

„Was soll ich machen?“, sage ich zu meiner Frau, die eine angesehene Konzertpianistin ist. „Ich werde wohl nicht so schnell wieder einen Job finden. Hier drinnen gehe ich allerdings langsam vor die Hunde.“ 

Meine Frau überlegt eine Weile. Dann fasst sie einen Entschluss. 

„Wir probieren etwas.“ 

Sie schraubt ihre Hände ab und legt sie vor mir auf den Couchtisch. 

„Wir tauschen. Los, gib mir deine!“ 

„Ich verstehe nicht“, sage ich, leiste ihrer Aufforderung aber Folge und schraube auch meine Hände ab.

„Heute steht Rachmaninow auf dem Programm“, erwidert meine Frau. „Drittes Klavierkonzert. Du wirst statt mir spielen. Im Konzerthaus. Dann kommst du endlich einmal hier heraus.“

„Das kann doch nicht gutgehen“, protestiere ich. „Das ist Wahnsinn.“

„Es wird gut gehen“, sagt meine Frau und schraubt sich meine Hände auf ihre Unterarme. „Du darfst und wirst nicht scheitern. Ich habe einen makellosen Ruf zu verteidigen.“

Ich füge mich und befestige ihre Hände an meinen Armen. 

„Wenigstens haben wir die gleichen Gewinde.“ 

Wenig später mache ich mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg. Im Fundus des Konzerthauses leihe ich mir einen Frack. Als ich auf dem Hocker am Flügel Platz nehme, verfliegt sofort mein Lampenfieber. Der Dirigent gibt den Einsatz. Die Hände meiner Frau leisten Unglaubliches. Ich spiele das Konzert wie ein Gott. Der Applaus will gar nicht enden. Glücklich fahre ich wieder nach Hause. Endlich komme ich mir wieder wertgeschätzt vor. 

Meine Frau ist stolz auf mich, als ich ihr berichte, merkt allerdings an, dass sie nichts anderes erwartet hätte. Sie lenkt mich aber gleich ins Wohnzimmer, weil sie ihre Hände zurückhaben will. Ich schraube sie gleich von meinen Unterarmen ab und lege sie auf den Couchtisch. Meine Frau schiebt mir im Gegenzug meine Hände herüber. Während ich sie mir wieder anschraube, bemerke ich plötzlich den bestialischen Gestank, der von ihnen ausgeht. Ich frage meine Frau, was um Himmels Willen sie angestellt hat, während ich das Klavierkonzert gespielt habe. 

„Ich habe unser Klo geputzt“, sagt meine Frau, „und danach den Abfluss in der Dusche gesäubert.“ 

„Ohne Handschuhe?“, rufe ich. „Und du hast dir meine Hände danach nicht gewaschen? Sie stinken ganz entsetzlich!“

„Das kannst ja du jetzt machen“, schmunzelt meine Frau, „damit du auf dem Teppich bleibst und mir nicht abhebst.“ 

Ich strecke ihr die Zunge heraus. 

„Du könntest ja“, sagt meine Frau ganz unbeeindruckt, „ab morgen im Konzerthaus die Toiletten putzen. Deine Hände wissen jetzt, wie’s geht.“

Michael, 18. Juni 2021.

3 Kommentare zu „Hände waschen

  1. Rollentausch mal anders. Tolle Idee!
    Erinnert mich an einen Spielfilm, bei dem ein Unfallopfer die Hand eines hingerichteten Mörders als Ersatz bekam. Und dann hat sich die Hand selbständig gemacht und ist ihrem gewohnten Handwerk nachgegangen…

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