Beziehungsarbeit

„Beziehungsarbeit, die ist so wichtig für mich“, eröffnete ihm Sybille gekonnt. Er wurde sofort hellhörig, wenn Sybille mit Ich-Botschaften die Konversation eröffnete. „Beziehungsarbeit, was soll das wieder heißen?!“, fragte er sich leise. Sybille schaute links nach unten und führte weiter aus: „Beziehungsarbeit ist doch etwas sehr Spannendes und Hilfreiches.“ Er versuchte gefasst zu bleiben, aber er wusste, dass Beziehungsarbeit definitiv nicht spannend war. Zermürbend, zerstörend, die Scheidung in Griffweite, all das kannte er aus seiner letzten Ehe. Zuerst eine kleine Krise, dann die Psychologin, die Beziehungsarbeit für essentiell befand. Kurze Zeit später begann eine Odyssee von fünf Jahren, die in einem Rosenkrieg endete. Eine hässliche Sache, allein für Anwälte gab er mehr als eine Million Euro aus. Am Ende kostete es ihn trotzdem die Hälfte seines Vermögens, von den verbleibenden 39 Millionen Euro musste er auch noch 2,5 Millionen an Steuern nachzahlen. Seine Ex-Gattin hatte dem Finanzamt einen ziemlich sicheren Tipp gegeben. Beziehungsarbeit, da könnte er vielleicht vorher ins Ausland übersiedeln, arbeiten musste er schließlich ja nicht mehr unbedingt. Wobei die Veranlagung einer kleinen Geldsumme manchmal durchaus in Arbeit ausartete. Probleme, für die seine Freunde so gut wie nie Verständnis hatten. Kanada, Kanada wäre schön, malte er sich aus. Holzfällen, ein paar Lachse angeln, weit und breit vermutlich keine Beziehungsarbeit. Er könnte immer noch auf käufliche Frauen zurückgreifen, diese Beziehungen hatten ein fixes Ende und keine dieser Damen hatte jemals etwas von Beziehungsarbeit gefaselt. „Du weißt, wie schön das sein kann“, hörte er Sybille wieder. Vielleicht könnte er auch ein kleines Chalet in den Bergen kaufen und nur für Besorgungen das neue Zuhause verlassen. Er ging langsam die Treppen mit gebeugtem Haupt zum begehbaren Schrank und suchte nach dem Koffer. Nein, nicht noch einmal, nie wieder Beziehungsarbeit, Beziehungen entstehen, wachsen, gedeihen, verändern sich, wären für ihn doch nie Arbeit. „Lieber jetzt“, so dachte er laut, „einen sauberen Schlussstrich ziehen, als ewig in irgendwelchen Sitzungen das ganze Leben vor einer fremden Person ausbreiten, die meist selbst genug Probleme mit sich herumschleppt.“ Bei seinen vielen Sitzungen zur Beziehungsarbeit, hatte er am Schluss den Verdacht, dass die Therapeutin die größten Probleme mit Beziehungen haben würde. Als er bereits die ersten Hemden in den Koffer packte, kam Sybille zu ihm und fragte, was er denn da machen würde. Bevor er antworten konnte, führte sie weiter aus: „Ich habe die Zusage für den Vorstandsvorsitz. Meine Beziehungsarbeit hat gefruchtet!“. Er schüttelte ungläubig den Kopf, schob den Koffer mit einem gekonnten Tritt in die Ecke und zog Sybille in das Schlafzimmer.

Harald, 25. Juni 2021

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