Kornfeld

Es war wieder Sommer. Der Shark-blue-Lack seines 911er Cabrios glänzte in der Sonne und ihm war auch im zweiten Monat seiner Auszeit kein wenig langweilig, schließlich hatte er zuvor vier Wochen fast durchgehend gearbeitet. Ein Café an diesem Morgen und etwas Lachs samt Kaviar in der Stadt waren ein geglückter Start in den Tag. Allein das wieder die junge Polizistin ihm den Strafzettel verpasst hatte, hob seine Laune ungemein. Er winkte ihr wie immer, nur lächelte sie diesmal zurück. Die Gelegenheit lies er sich nicht entgehen, legte die Zeitung zur Seite, ging zu ihr und fragte sie direkt: „Lust auf einen Café?“ Sie war sich unsicher, er führte fort: „Sollten Sie das tägliche Strafpensum noch nicht erreicht haben, kann ich mein Auto ja noch ein paar Mal umparken.“ Jetzt schien das Eis gebrochen zu sein. Ihre Schicht war fast zu Ende und sie versprach ihm, dass sie sich umziehen würde und dann in einer halben Stunde bei ihm wäre. Er fand Polizistinnen irgendwie spannend, mit der Feuerwehr hatte er nicht so gute Erfahrungen, am Schlimmsten waren aber die Sanitäterinnen der Rettung. Nur weil er schon etwas älter war, machten sie sich jedes Mal beim Geschlechtsakt oder beim dritten Espresso Sorgen, ob ihm das nicht zu viel würde und das Herz noch mitmachen würde. Nein, es würde ihm nicht zu viel und wenn? Wo könnte er denn schöner sterben, als bei einem Espresso oder bei einem Liebesspiel? Ars moriendi, er kümmerte sich eben um das Heil seiner Seele. Als er gerade in Verdanken versunken war, setzte sie sich mit einem fröhlichen „Hier bin ich“ an den Tisch. Jeans, die leicht geöffnete, ärmellose Bluse, er fand das viel besser als die Uniform. Sie unterhielten sich über seine Lieblingsthemen: Wiener Lieder, Romane und Weine. Über Frauen wollte er nie sprechen, weder mit Frauen und schon gar nicht mit Männern. Gegen Mittag fuhren sie aufs Land, Nicole machte ihn auf die Geschwindigkeitsbegrenzungen aufmerksam und genoss sichtlich jede Überschreitung. Er parkte sein Auto auf einem Feldweg und sie küsste ihn. Er verstellte seinen Sitz gekonnt, sie schüttelte den Kopf und befand das angrenzende Kornfeld für viel geeigneter. Eine Decke hatte er in weiser Voraussicht immer mit und so rannten sie los. Er fühlte sich frei, unbeschwert, summte einen bekannten Schlager. Nicole konnte seine positiven Erfahrungen mit Polizistinnen sehr bestätigen und überglücklich gingen sie zum Auto zurück. Die Fahrt zurück war ein Genuss, Sonne, Wind und gute Songs. Bei ihr angekommen küsste sie ihn nochmals, lächelte. Er war sich sicher, dass er für sie eine Ausnahme machen würde, er wollte sie wieder sehen. Leicht in Gedanken versunken tippte sie ihn an und drehte langsam seinen Kopf nach rechts. Vor ihm stand das Sondereinsatzkommando, er sprang links aus dem Fahrzeug, um das Weite zu suchen, aber das Fahrzeug war komplett umstellt. Nicole lächelte wie zuvor, flüsterte ihm ins Ohr, wie schön es trotzdem mit ihm war und sie keinen Moment nur an die gleichzeitig stattgefundene Hausdurchsuchung gedacht hatte. Für Hehlerei und Kunstfälschung wurde er letztendlich verurteilt, die Beweislage war zu eindeutig. Das war vor fünf Jahren. Heute ist er frei, ein angesehener Kunstexperte, Dandy und liebt fast ausschließlich Flugbegleiterinnen. Mit Sanitäterinnen hat er immer noch nichts am Hut.

Harald, 2. Juli 2021.

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