Beharrlichkeit

Sherwood, ein Hacker, der dem Stereotyp des ungewaschenen, streng riechenden Computernerds in jeder Hinsicht entsprach (er ernährte sich ausschließlich von Pizza und Diätcola, trug immer das selbe karierte Hemd, ging nie zum Friseur und klebte Tag und Nacht am Netz), verliebte sich eines Tages in seine Wohnungsnachbarin Lilly, der er behilflich gewesen war, eine externe Festplatte an ihren Rechner anzuschließen. Weil Sherwood spürte, dass irgendeine Instanz in seinem Körper (er vermutete lästige Hormone) nach etwas lechzte, das nur Lilly besaß, er aber über keinerlei Empathie und Erfahrung auf diesem Feld verfügte, hielt er unmittelbar nach der Installation der Festplatte um Lillys Hand an, indem er sie aufforderte, ihn als Gegenleistung für den Gefallen, den er ihr getan hatte, am folgenden Morgen zu heiraten. Ob er den Verstand verloren hätte, fragte Lilly völlig entgeistert. Er solle sich doch einmal selbst betrachten. Ehe sie ihn heirate, gefriere die Hölle. Weil Sherwood, für den unlösbare Probleme bis zu jenem Augenblick nicht existiert hatten, nun ratlos zusammensackte und apathisch sein Kinn auf die Tastatur seines Laptops sinken ließ, relativierte Lilly ihre Ansage und versprach, dass sie in eine Heirat einwilligen würde, wenn Sherwood einen Beweis seiner Liebe zu ihr lieferte, der die ganze Welt überzeugte. Sie wisse genau, dass das unmöglich sei, seufzte Sherwood. Er werde sie nun aber nicht länger belästigen.

Als danach ein paar Tage ins Land gingen, an denen nichts geschah, war Lilly allmählich erleichtert und überzeugt davon, dass Sherwood seinen absurden Antrag wieder vergessen hatte. In der folgenden Nacht fuhr sie jedoch plötzlich aus dem Schlaf hoch, weil ein Geräusch sie geweckt hatte. Nachdem sie sich erschrocken die Augen gerieben hatte, stellte sie fest, dass ihr Fernseher, der sich gegenüber von ihrem Bett befand, sich ohne ihr Zutun von selbst eingeschaltet hatte. Sie war schon im Begriff, das Gerät mit Hilfe der Fernbedienung wieder auszuschalten, als sie doch noch einen Blick auf das Display warf, der sie stutzig werden ließ. Eine seltsame rötliche Landschaft war zu sehen. Einige Augenblicke später fuhr ein kleines Fahrzeug ins Bild und blieb im Bereich der Kamera stehen. An dem Vehikel ging ein Greifarm in die Höhe und winkte. Plötzlich begriff Lilly, das es sich um den Marsrover Perseverance handelte, den die NASA erst wenige Monate zuvor erfolgreich auf der Oberfläche des roten Planeten ausgesetzt hatte. Sie starrte irritiert auf den Bildschirm. Auf einmal senkte sich der Greifarm zum Boden und fing im Marsstaub zu kritzeln an. Es dauerte eine Weile, ehe der Arm zu Ende geschrieben hatte. Völlig entgeistert las Lilly Buchstabe für Buchstabe mit und wiederholte am Ende murmelnd den Satz, der nun vollständig dastand: „Lilly, heirate mich! Sherwood.“

Als aus der Nachbarwohnung plötzlich polternde Geräusche und danach laute Stimmen zu hören waren, schaltete sich Lillys Fernseher ebenso selbsttätig wieder aus, wie er sich zuvor eingeschaltet hatte, sehr zur Verwunderung der übrigen 300 Millionen Amerikaner, an deren Geräten im selben Augenblick genau das selbe geschah.

Ein paar Monate später zwang Lilly sich zu einem tapferen Lächeln, als sie in ihrem weißen Kleid auf einem Motorboot der Navy vom Festland nach Guantanamo übersetzte. In ihrer eleganten Handtasche, die sie eng an ihrem Körper hielt, befanden sich ein Stück Seife und ein Deospray.

Michael, 9. Juli 2021

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