Julimond

Eva, eine attraktive, selbständige Frau, hatte ein gröberes Problem und sie glaubte fest an einem Zusammenhang mit der Mondgöttin Artemis, deren Geschichte sie gut kannte. Artemis hatte ihren Liebling Orion selbst mit dem Pfeil unbeabsichtigt getötet. Ihre Beziehungen endeten ähnlich, wenn auch nicht mit dem Tod ihrer Partner. Übrig blieben frustrierte, für weitere Beziehungen unfähige, fast schockierte Männer. Das passierte von selbst, sie konnte es nicht steuern. Einige verfielen dem Alkohol, andere verloren die Arbeit, zwei von ihnen brachten ihr gesamtes Vermögen durch und waren seither obdachlos. Die Männer vergötterten Eva, ihr wurde langweilig. Das gefühlt hundertste Mal für ein Wochenende nach Paris, nach New York, nach Prag, shoppen, Liebesnächte, üppiges Frühstück, Jets, schnelle Cabrios, wer will denn so was auf Dauer? Eva schloss nachdenklich die Tür ihrer luxuriösen Penthousewohnung, ein Geschenk ihres letzten Partners, und machte sich mit einer Hängematte und einem kleinen Rucksack ausgestattet auf den Weg. Sie ging zuerst die Straßen der Stadt entlang, durchstreifte Wälder, Ortschaften und badete in verschiedensten Seen. Die Essenrationen besorgte sie sich immer für mehrere Tage, so konnte sie für längere Zeit ganz für sich sein. Eva glaubte fest daran, dass sie allein bleiben wollte. Es war fast schon dunkel im Wald und sie schaukelte in ihrer Hängematte gedankenverloren gegen Himmel sehend. Wie aus dem Nichts hörte sie ein Rascheln im Gebüsch und sah ein Wildschein auf sie zukommen. Ihr Rucksack mit den Nahrungsmitteln schien das Ziel zu sein, was Eva jetzt nicht weiter beunruhigte. Plötzlich hörte sie aber ein Zischen und spürte einen Schmerz an ihrem Hinterteil. Das Wildschwein zog irritiert von dannen und Eva rieb sich das Gesäß. Als sie aufstand bemerkte sie einen Pfeil unter ihrer Hängematte. Quietschvergnügt kam eine Frau pfeifend angetrabt und suchte das erlegte Wildschwein. Mit Eva hatte sie nicht gerechnet. Sie war sich sicher, dass sie das Wildschwein im Visier hatte, traf aber nur den Rucksack und den Querschläger hatte Eva abbekommen. „Du bist fast so schlimm wie Artemis!“, fauchte Eva. „Du schaust aber nicht wie Orion aus“, antwortete die Unbekannte keck. „Die Zeiten haben sich Gottseidank verändert“, meinte Eva. Als sie sich drei Minuten später das erste Mal im Julimond küssten, wusste Eva, diesmal geht die Geschichte wohl ganz anders aus.

Harald, 16. Juli 2021

2 Kommentare zu „Julimond

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