Die rote Lola und ich

Einmal, als bei uns auf dem Dorf gerade Tanzfest war für die Junggesellen, tauchte plötzlich unter der Linde eine Rothaarige auf, die nicht aus der Gegend war, ein Rasseweib, das die Rundungen an den richtigen Stellen hatte und das jeden Mann zu Gier und Raserei getrieben hätte, wenn nicht ein paar schwerwiegende Makel an ihr gewesen wären, drei waren es an der Zahl, sie hatte nämlich links vom Knie an abwärts nur noch einen Beinstumpf, der verbunden war mit einer hölzernen Prothese, und auch die rechte Hand hatte sie eingebüßt, an ihrer Stelle blinkte ein eiserner Haken, und zu allem Überdruss trug sie noch eine schwarze Augenklappe, die die leere Höhle darunter bedeckte, und wir alle starrten die Rothaarige ungläubig an und sie rief: „Was glotzt ihr so? Die rote Lola nennt man mich, ich bin Piratin und ich habe auf allen sieben Meeren geraubt und gebrandschatzt und mitgenommen, wonach mir gerade war, ich habe es genossen, sage ich euch, man soll doch aber aufhören, wenn es am schönsten ist, ich bin noch jung und will jetzt einen Mann, der mir ein Kind macht, einer von euch Kerlen wird sich also opfern müssen, ich werde jetzt der Reihe nach mit jedem von euch tanzen, um herauszufinden, wer von euch der rechte ist für mich“, und sie sagte es mit solchem Nachdruck, dass all die anderen Töchter der Dörfler, die zum Tanz gekommen waren, erschrocken das Weite suchten, und Lola fackelte nicht lange, forderte die Kapelle auf zu spielen, schnappte sich den ersten Kerl und wirbelte ihn herum, stieg ihm beim Tanzen mit der Spitze ihres Holzbeins auf den Fuß, dass der Besitzer nur so jaulte und sich stöhnend fallen ließ ins Gras, und Lola schnappte sich den nächsten und verfuhr mit ihm genauso, und packte sich danach den dritten und den vierten, stieg auch ihnen auf den Fuß, und hatte bald die ganzen Junggesellen durch, bis ganz am Ende nur noch ich selber übrig war, und ich war ja ein wenig anders als die anderen und weigerte mich, wollte nicht mit Lola tanzen, doch die anderen, die immer noch benommen auf der Wiese lagen, riefen: „Du musst es machen, Klaas, sonst nimmt sie sich am Ende doch noch einen von uns, du bist doch früher auch einmal zur See gefahren, hab ein Erbarmen, tanz mit dem verrückten Weib!“, und ich gab nach und ließ mich von der wilden Lola führen und packte sie an ihren Hüften und sie stieg auch mir auf meinen Fuß, doch es machte mir nichts aus. Wir tanzten unseren Tanz zu Ende und Lola bekräftigte, dass ich der rechte sei, und die anderen Junggesellen, die erleichtert waren, riefen: „Warum heiratest du sie nicht auf der Stelle, Klaas? Dann kannst du ihr noch in der Nacht, die bald hereinbricht, ein Kind machen, wie sie es verlangt“, und auch die rote Lola sagte, dass sie zu einer Hochzeit jederzeit bereit sei, und irgendwie bekam auch unser Priester von der Sache Wind und eilte flugs herbei und erklärte Lola und mich zu Frau und Mann, und als die Zeremonie vorbei war, kamen auch die Töchter aus dem Dorf wieder zurück unter die Linde, die zuvor die Flucht ergriffen hatten, und wir feierten ein wildes Fest bis tief in die Nacht hinein, und irgendwann, als alle nicht mehr konnten, da führte ich die rote Lola heim zu mir und warf sie auf mein Bett und nahm sie, wie in der Hochzeitsnacht ein Mann seine Gemahlin nehmen muss, sie hatte ihre Holzprothese abgeschnallt, was durchaus nur von Vorteil war beim Liebesspiel und mit dem Haken an ihrem Arm zerkratzte sie mir meinen Rücken, während wir vereinigt waren als ein Fleisch, ich bin mir sicher, dass ich meiner Lola genau in dieser Nacht schon jenes Kind gemacht habe, dass sie verlangt hat, ich habe es gespürt, denn in den Monaten danach wurde ihr Bauch immer dicker, und als es Zeit war, schenkte Lola unserem Nachwuchs ohne einen Schmerzenslaut das Leben, und es war ein Junge, und wir waren mächtig stolz und gaben unser Bestes und tun es immer noch, und wenn wir unterwegs sind bei uns im Dorf mit unserem Sohn, dann rufen die Leute: „Sind sie nicht ein schönes Paar?“, sie haben recht, ich habe mich so lange Zeit gewehrt, es zuzugeben, doch auch ich war einmal ein Pirat und habe auch ein Holzbein, an dem ich nichts gespürt habe, als Lola mich getreten hat damals beim Tanz, und eine Augenklappe habe ich auch, weil auch mir ein Auge fehlt, das linke, während es bei Lola ja das rechte ist, sodass wir uns zum Glück beim Liebesspiel ins Auge blicken können, und auch anstelle meiner Rechten trage ich einen Eisenhaken, das ist unser größtes Glück, wir brauchen keine Wiege, denn wenn unser Sohn von Müdigkeit gepackt wird, spannen Lola und ich zwischen uns beiden eine Hängematte auf und machen sie an unseren Eisenhaken fest und legen unseren Sohn hinein, egal wo wir gerade sind, und schaukeln ihn in einen tiefen Schlaf.

Michael, 23. Juli 2021

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