Rosé

Es war Nizza, es war heiß und es war Ella. Eigentlich wollte Bernd nur etwas shoppen gehen, als er Ella an der Promenade des Anglais gesehen hatte. Sie sprach ihn an und fragte, ob er ein Hotel wüsste. Sie wäre gestrandet, ihr Liebhaber mit einer anderen durchgebrannt. Bernd konnte zuerst gar nichts sagen, ihr Lächeln hatte etwas Unschuldiges, die Augen klar. „Ich treibe sicher noch ein Zimmer im Negresco auf“, antwortete er gefühlt Minuten später. Sie gingen einige Hundert Meter gemeinsam, nach kurzer Zeit Arm in Arm, da ihr Absatz gebrochen war. Bernd kannte keiner, seine Firma war so etwas wie ein Geist, darüber wird nicht gesprochen. Im Negresco lud ihr sie auf einen kleine Espresso ein. Ella erzählte von ihrem Beruf, ihren Männern und ihrem Traum von einem Häuschen in Nizza. Bernd zahlte das Abendessen im Le Millésime. Anschließend gingen sie noch auf ein Eis zur Gelateria Azzuro. An der Strandpromenade genossen sie das Geräusch der Wellen und küssten sich das erste Mal. Das Tempo behielten sie bei, ein Zimmer im Negresco war für diese Nacht gar nicht mehr nötig. Bernd hielt ihre Idee mit dem Häuschen in Nizza für eine ausgezeichnete Idee und wurde bereits am nächsten Tag mit einer Maklerin handelseins. Ella wunderte sich sehr, dass Bernd mit der Maklerin überhaupt nicht verhandelte und einfach mehrere Millionen Euro locker machte, eine der schönsten Villen Nizzas so nebenbei erwarb und sie ihr auch noch zu allem Überfluss schenkte. Sie wäre die Frau seines Lebens und wenn sie anderer Meinung wäre, könnte sie die Villa trotzdem behalten. War sie nicht, Ella blieb bei Bernd in Nizza. Relativ schnell war ihr klar, dass Bernd keinem bürgerlichen Beruf nachging, aber das Bürgertum ihn immens reich gemacht hatte. Seine Internetseiten mit pornographischen Inhalt spielten pro Monat über den Pay-Bereich unglaubliche Summen ein. Ella war von dem Business weniger angetan. Mehrfach hatte sie ihn gedrängt, das Unternehmen zu verkaufen, aber es war für Bernd so etwas wie ein Lebenswerk und natürlich auch eine Gelddruckmaschine. Er kaufte weiter Häuser, war eher selten auf Dienstreisen und sie genossen das Leben. Im Umfeld wusste keiner Bescheid über das tatsächliche Vermögen. Das wäre alles auch so geblieben, hätte nicht ein findiger Journalist den Eigentümer des Firmengeflechts doch noch ausfindig gemacht. Wenige Monate später war Bernd Teil der Reichenlisten und zu seinem Entsetzen in vielen Wirtschaftsmagazinen vertreten. In Nizza hatten sie immer noch ihre Ruhe, die Villa gehörte schließlich Ella und von Bernd nahm dort keiner Notiz. Dass gewaltverherrlichende und nicht freiwillig entstandene Videos entfernt wurden, war Ella zu verdanken. Das Bürgertum war trotzdem in regelmäßigen Abständen angesichts der Unmoral außer sich, von irgendwo mussten aber doch die Klicks auch herkommen. Ella arrangierte sich letztlich doch mit Bernds Geschäft, da er wie der Zuckerbäcker agierte, der schon lange nichts mehr Süßes brauchte und so ganz auf sie konzentriert war. Mit Bernds finanzieller Unterstützung kellterte sie später hervorragende Rosé-Weine, die die Fachwelt zurecht als äußerst spritzig bezeichnete, was wohl nicht nur der Herkunft des Geldes geschuldet war.

Harald, 23. Juli 2021

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