Gastbeitrag: Wie es kam, dass Herr Emm eine lukrative, bilaterale Geschäftsbeziehung aufbauen konnte

Zu einer Zeit, als die Qualität von Lebensmitteln wieder einen höheren Stellenwert im täglichen Leben einzunehmen schien, entschloss sich Herr Emm zu einem Ausflug in die Berge. Als er Wasser für den Aufstieg besorgte, fiel ihm auf, dass er das Salz zu Hause vergessen hatte. Da er wegen des sommerlichen Schönwetters und der damit verbundenen Temperaturen von erhöhter Schweißproduktion ausging, wollte er eventuellen Salzverlust ausgleichen können. Im örtlichen Kaufgeschäft schenkte ihm die Verkäuferin ein einer kleinen Pfeffermühle gleichendes Gefäß, darin Herr Emm einige rosafarbene Kristalle ausmachte. „Himalayasalz, is‘ vom Catering bei der 8.000er Party überblieben, sehr g’sund, angeblich,“ merkte sie noch an.

Herr Emm bedankte sich freundlich und verließ unter Bezahlung seines Wasserkaufs das Geschäft. Frohen Herzens und guten Mutes wanderte er bergan, bis er schließlich eine Hochalm erreichte. „Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd“ dachte er, als er sein viel zu kalorienreiches Jausenbrot auspackte. „Emm,“ dachte er, „achte auf die Elektrolyte!“ Und er kramte die Himalayasalzmühle aus dem Rucksack und mit einer gekonnten Drehbewegung mahlte er einige Salzkristalle auf seine Käsesemmel und das Wurstbrot. Auf der Salzmühle war noch das Preispickerl zu sehen. 150g – €3,99, las und „auch nicht billig“ dachte er. Der Beschreibung auf der Verpackung entnahm Herr Emm, dass das Salz direkt in den Höhen des Himalayas gebrochen und unraffiniert, völlig natur, und nur ein wenig geschreddert, in Österreich abgefüllt werde. Deshalb seien in diesem Naturprodukt so viele Mineralien, Ballaststoffe und sonstige Dinge enthalten, dass es gerade noch nicht apotheken- und rezeptpflichtig wäre.

Herr Emm stellte nur fest, dass es salzig schmeckte, und er hoffte seine Salzspeicher nach dem schweißtreibenden Aufstieg wieder entsprechend gefüllt zu haben. Als er seinen Fotoapparat hob, um das sich ihm bietende Panorama bildlich festzuhalten, fiel ihm gleiche neben der Rindertränke ein in den Boden gerammter, am freien Ende gespaltener Ast auf, der zwischen seinen gespaltenen Enden einen Stein, genau in Maulhöhe der Rindviecher trug. „Ein Leckstein“ dachte Herr Emm. Ihm fiel auf, dass dieser fast genauso rosa gefärbt war, wie sein wertvolles Himalayasalz.

Beim Abstieg reifte in Herrn Emm ein Gedanke und bei der Heimfahrt legte er einen Zwischenstopp beim örtlichen Lagerhaus ein, wo er wohlfeil zwei Lecksteine mittlerer Größe erstand. Ein Steinbrechmaschine fand er günstig im Internet (Konkursware) und während diese lebensmitteltauglich gereinigt wurde, traf auch schon der erste Karton mit den gläsernen Salz-und/oder Pfeffermühlen ein. Eine halbe Stunde schweißtreibender Kurbelarbeit am Steinbrecher später fand sich Herr Emm mit mehreren Häufchen rosafarbener Salzkristalle wieder, die er in die Mühlen füllte. Bei einem Grafiker, der im Internetz seine Dienste anbot, bestellte Herr Emm Etiketten, die eine beeindruckende Bergkulisse zeigten, und um die Sache abzurunden, einiges an Marketingsprech (im Schatten der majestätischsten Berge unserer Erde …. unjodiert …. in mühevoller Handarbeit …. etc.). Die Inhaltstoffeliste schrieb er eiskalt vom Etikett der Supermarkware ab. „Rosa Ursalz/unjodiert. Dieses Naturprodukt kann vereinzelt unlösliche Begleitstoffe enthalten.“

Einen Biertisch hatte er noch in der Garage und schon war der Marktstand fertig. Eine abgegriffene Handkassa erstand Herr Emm beim Trödler.

Am ersten Markttag lief der Verkauf so schleppend, dass Herr Emm schon an eine Preisreduktion dachte, statt fünf Euro 99 nur vier 99 für 100 Gramm. Doch bevor er zu dieser Verzweiflungstat getrieben wurde, kam ihm der Zufall zu Hilfe. Eine junge, asiatisch aussehende Frau verteilte auf der anderen Seite des Marktes gelangweilt „Free Tibet“-Flyer. Herr Emm fasste sich ein Herz und machte ihr den Vorschlag, ihre Flyer doch an seinem Salzstand zu verteilen, sie könne sie auch gerne auf seinem Verkaufstisch ablegen. Er gewänne dadurch etwas street credibility und sie müsse die Flyer nicht ständig in der Hand halten. Und ob sie großes Interesse an der Sache Tibets hätte, wollte Herr Emm auch noch wissen.

„Natürlich, mein Großvater stammt aus Nepal, wir kleinen Länder müssen doch zusammenhalten. Aber vor allem mache ich das um Hop Sing* vom Chinesen am Dorfplatz zu ärgern. Schließlich hat er mich mit seiner vietnamesischen Kellnerin betrogen, als wir noch zusammen waren“, sagte sie in akzentfreiem Deutsch.

So verlagerte Peldon Nima Obergruber ihre Flyerverteilung an Herrn Emms Salzstand, wo sie immer wieder „Flee Tibet“ vor sich hinmurmelte und sich vor jedem verbeugte, der ihr einen Flyer abnahm. „Hell Emm gute Mann, immel helfen gute Sache“ hörte er sie im Gespräch mit interessierten Passanten leise sagen, und dann zeigte sie mit einer kleinen Verneigung lächelnd in seine Richtung. Sein Verkauf zog merklich an und zur Mittagszeit war Herrn Emms Salzvorrat fast komplett ausverkauft und er bot Frau Obergruber (bitte sagen‘s Nima) eine 50/50 Partnerschaft an seinem neugeschaffenen Unternehmen an.

So kam es, dass er Herr Emm eine lukrative, quasi bilaterale Geschäftsbeziehung aufbauen konnte.

*(Name aus DSGVO-Gründen geändert)

© Martin Siegel im Juli 2021

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