Die Gurgelbox

Konrad, der panische Angst davor hatte, sich, wie er sagte, eine Corona zu holen, meinte damit nicht den Strahlenkranz während einer totalen Sonnenfinsternis und auch nicht das mexikanische Bier, das viele direkt aus der Flasche konsumierten. Er meinte die Seuche, die die Menschheit seit fast zwei Jahren drangsalierte und bedrohte. Konrad war selbstverständlich geimpft und dadurch vollständig immunisiert; er hatte aber mit großer Aufmerksamkeit entsprechende Studien gelesen, die die Unmöglichkeit eines hundertprozentigen Schutzes vor der Krankheit nachwiesen, und weil er sich sicher war, dass die statistische Wahrscheinlichkeit gerade ihn nicht leiden konnte, rechnete er fest damit, dass er zu denen gehörte, die trotz einer Impfung erkrankten, wenn er nicht weitere Vorsichtsmaßnahmen ergriff. Seine Heimatstadt hatte auf öffentlichen Plätzen sogenannte Gurgelboxen aufgestellt, in denen man sich jederzeit auf das Virus testen lassen konnte. Konrad buchte für sich einen fixen Platz im Inneren einer Box und ließ sich alle fünfzehn Minuten testen. Nur am ersten Tag war er unausstehlich, weil die Ergebnisse jeweils erst mit vierundzwanzigstündiger Verzögerung vorlagen. Danach beruhigte sich Konrad und gurgelte präzise wie ein Uhrwerk mit großer Akribie, Begeisterung, Hingabe und wachsender Souveränität. Allein schon das Gurgelgeräusch und die angenehmen Vibrationen in seiner Kehle beruhigten ihn nachhaltig und bestärkten sein Gefühl, dass er sich bestmöglich gegen die heimtückische Krankheit wappnete und sich keine Corona holte. Er akklimatisierte sich erstaunlich rasch und fühlte sich bald in der Gurgelbox zu Hause. Als die Boxen nach einigen Zwischenfällen, die in Handgreiflichkeiten mündeten, auch noch bewacht wurden, war Konrad vollends glücklich. Es gab für ihn nichts Schöneres, als dem Wohlklang des eigenen Röchelns zu lauschen und dabei überdies seine Gesundheit zu schützen. Nach ein paar Tagen allerdings fühlte er sich plötzlich empfindlich gestört, als er in der Kabine neben sich jemand anders gurgeln hörte, dessen Geräusche die seinen unerträglich überlagerten. Konrad klopfte enerviert an die dünne Zwischenwand und erbat sich sofortige Ruhe. Bei einem solchen Lärm verstünde man ja sein eigenes Gegurgel nicht mehr. Die Reaktion erfolgte auf dem Fuß. Die Tür zu seiner Kabine wurde jäh aufgerissen. Im Türrahmen erschien das freundliche Gesicht einer attraktiven Blondine. Er solle sich nicht so anstellen, rief sie, auch andere Leute hätten ein Recht auf einen Gurgeltest. Sie zum Beispiel wünsche sich ein Kind und lasse sich deshalb nicht impfen, damit sie nicht unfruchtbar würde. Da sei der Test der einzig richtige Ausweg. Das könne schon sein, erwiderte Konrad, aber sie soll doch bitte so rücksichtsvoll sein und ein wenig leiser gurgeln. Auch andere Leute seien nämlich um ihre Gesundheit besorgt. Sie wolle sich bemühen, lächelte die Blondine. Vielleicht sei es aber überhaupt das Beste, wenn sie sich abstimmten und gemeinsam gurgelten. Sie fragte Konrad spontan, ob er nicht in ihre Kabine hinüberwechseln wolle, in der auch genug Platz für zwei sei. Konrad dachte einen Augenblick lang nach und sagte dann zu, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Blondine ihm half, die viertelstündlich auf seinem Handy eintreffenden Testergebnisse zu bewerten und zu archivieren. Weil die Blondine sich als sehr einfühsam erwies, gelang es ihr bald, ihre eigenen Rachengeräusche so auf die von Konrad abzustimmen, dass er sich gar nicht mehr gestört fühlte. Als alles wie am Schnürchen lief, fing die Blondine plötzlich an, sich auszuziehen, bis sie in der Enge der Gurgelkabine splitterfasernackt vor Konrad dastand, der sie völlig entgeistert und mit hochrotem Kopf anstarrte. Was das solle, fragte er sie, so könne er sich ja unmöglich aufs Gurgeln konzentrieren. Sie wolle doch auch ein Kind, erklärte die Blondine mit entwaffnendem Charme, und vom Gurgeln allein würde sie wohl keins bekommen. Er wisse ja nicht einmal, wie sie heiße, seufzte Konrad, dem langsam dämmerte, worauf es für ihn hinauslief. Sie heiße Corona, sagte die Blondine, während sie anfing, auch Konrad seine Kleidung abzustreifen, wie die Heilige Corona, die Patronin des Geldes, der Metzger und der Schatzgräber. Sie zog ihn zu sich heran. Während Konrad resignierend zur Kenntnis nahm, dass er sich nun doch noch eine Corona geholt hatte (oder sie ihn), fing er behutsam an, ihr ein Kind zu machen, gurgelte aber während des gesamten Aktes zur Sicherheit unbeirrt weiter.

Michael, 6. August 2021

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