Die Quacksalber von Hohenberg

Die Hohenbergs waren stolz auf ihre Familiengeschichte, die bis ins Jahr 1590 zurückverfolgt werden konnte. Bei jeder Gelegenheit taten sie mit näselnder Stimme kund, was die Hohenbergs nicht alles geleistet hatten. Sie wären beim Prager Fenstersturz 1618 beteiligt gewesen und hätten anschließend aber auch den Westfälischen Frieden 30 Jahre später herbeigeführt. Friedensverträge wären überhaupt eine Stärke der Hohenbergs, da sie sowohl in St. Germain maßgeblich beteiligt waren, als auch nun kurz bevorstanden, den Nahostkonflikt endgültig zu lösen. Norbert Hohenberg tat sich dabei besonders hervor und suchte immer wieder jungen, weiblichen Diplomatennachwuchs für seine wichtigen Missionen. Den jungen Frauen versprach er, dass sie dabei sein würden, wenn Weltgeschichte geschrieben wird. Meist endete die Weltgeschichte in irgendwelchen schäbigen Hotelzimmern mit kurzem Geschlechtsverkehr und dem Ankauf von Drogen, die die jungen Frauen zu allem Überdruss auch noch nach Europa schmuggeln mussten. Norbert hörte aber vor drei Jahren damit über Nacht auf, nachdem nicht nur die Drogenfahnder bereits Verdacht schöpften, sondern der Berater, dem er zum Zwecke der Anwerbung von jungen Frauen für den Diplomatendienst sein Vertrauen geschenkt hatte, in eine unschöne Affäre mit minderjährigen Mädchen verwickelt war. Die Jahre danach verbrachte Norbert in der Politik, wo er als einfacher Nationalratsabgeordneter das Budget sanierte, den damaligen Kanzler erfolgreich beriet und für eine große Steuerreform sorgte. Er wäre auch in der Politik geblieben, wären nicht Quacksalber anderer couleur plötzlich aufgetreten, die seine Geschichten um ein Vielfaches überboten und die Bevölkerung noch besser hinters Licht führten. Norbert hatte schon große Bedenken, dass er als Quacksalber alter Schule keine Berechtigung mehr hatte. Die Neuen kannten keine Grenzen, waren korrupt, machtbesessen und die Geschichten wurden noch absurder. Da lernte er auf einer Vernissage eine junge Dame namens Nicole kennen, die als berühmte Schauspielerin ein Vermögen besaß. Norbert gab sich als Regisseur aus, was er im Leben ja auch irgendwie war und die Beiden unterhielten sich prächtig. Sie zeugten bereits in dieser Nacht einen Sohn, der die Geschichte der Hohenbergs fortschreiben sollte. Das kleine Haus, in dem sie wohnen, hatte Nicole von ihrer Großmutter geerbt und ihre Schauspielauftritte beschränkten sich auf ein kleines Theater, für das Norbert sogar ein Stück schreiben durfte, was aber nach zwei Vorstellungen wieder abgesetzt werden musste. Auf ihren Sohn waren die Beiden aber richtig stolz. Er schrieb in der Schule ab, kaufte mit 14 Jahren ohne jegliches Bargeld einen Privatjet, den sie aber wieder zurückgaben, um einer Betrugsanklage zu entgehen und er hatte mit 18 Jahren das feste Ziel, Kanzler zu werden. 

Norbert trank mit Nicole auf der Terrasse einen handgepflückten Tee aus Mosambik, die Tasse stammte selbstverständlich aus der Ming-Dynastie, las eine Kurznachricht seines Sohnes, die sich um einen Aufsichtsratsposten drehte, küsste anschließend Nicole leidenschaftlich und war sich sicher, die Hohenberger Quacksalber sterben doch nicht aus. 

Harald, 13. August 2021.

2 Kommentare zu „Die Quacksalber von Hohenberg

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