Der Preis der Schönheit

Anselm, der neu in der Stadt war und niemanden kannte, entdeckte an einem Verkaufsstand vor einem Einkaufszentrum eine schöne Frau, die so bezaubernd war, dass er nicht anders konnte, als sie sofort anzusprechen und sich vorzustellen. Sie sei das schönste Wesen, das er je erblickt hätte, sagte er zu ihr. Er halte es aber für nahezu ausgeschlossen, dass sie ihre Schönheit allein von ihren Eltern mitbekommen habe; er vermute vielmehr, dass eine Art von Magie im Spiel sei, die sie an sich selbst angewendet hätte, und er sei begierig zu erfahren, ob er mit seiner Vermutung richtig liege. Er habe völlig recht, erwiderte die Schöne. Ihre anbetungswürdige Erscheinung sei sicher zu einem guten Teil dem zu verdanken, was sie von ihren Eltern geerbt hätte; jener Anteil, der über das gewöhnliche Maß an Schönheit hinausginge, stamme aber von der Wirkung jener Kuchen, die sie selbst backe und an ihrem Stand zum Verkauf anbiete. Da sah Anselm erst, dass sich zwischen ihm und der Schönen ein Berg von Kuchenstücken auftürmte.  Er wolle, nein, er müsse sie unbedingt näher kennen lernen, rief Anselm verzückt. Sie müsse ihn erhören und ihm die Gelegenheit dazu einräumen. Nichts sei ihr lieber als das, lächelte die Schöne. Es gäbe allerdings eine Bedingung. Er müsse eines von ihren Kuchenstücken erwerben und zu sich nehmen, damit dessen Zauber auch an ihm wirke und auch er dieselbe magische Schönheit erlange, die sich übrigens unmittelbar nach dem Verzehr schon einstelle. Anselm willigte freudig ein, bat die Schöne, ihm ein Kuchenstück auf einem Pappteller herzurichten, und fragte nach dem Preis, der so hoch war, dass Anselm zusammenzuckte. Schließlich zückte er aber doch sein Portemonnaie und zahlte die geforderte Summe. Dann biss er voller Gier von dem Kuchenstück ab und musste zu seinem Entsetzen feststellen, dass es so hart war, dass es ihm mehr als die Hälfte seiner Zähne schlichtweg zerbröselte. Anselm spuckte die Zahnkrümel voller Schmerz aus und fragte die Schöne, was um alles in der Welt mit ihm geschehen sei. Es handle sich um eine seltene Nebenwirkung, erklärte die Schöne mit betrübtem Gesichtsausdruck. Leider könne derlei nicht ausgeschlossen werden. Da er aber ohne Zähne unansehnlich sei, sei es nun nicht möglich, dass er sie näher kennen lernte. Er wisse nun aber überhaupt nicht, was er tun solle, klagte Anselm. Für ihn breche eine Welt zusammen und überdies leide er starke Schmerzen. Zumindest in diesem Punkt könne sie helfen, sagte die Schöne. In dem Einkaufszentrum ordiniere ein ausgezeichneter Zahnarzt, der so barmherzig sei, dass er Schmerzbehandlungen ohne Voranmeldung sofort durchführe. Er, Anselm, könne sich ruhig auf sie beziehen. Dann gewährte ihm der Arzt gewiss beträchtlichen Rabatt. Wenigstens das wolle er tun, rief Anselm und fragte die Schöne gleich nach dem Weg zur Ordination, den sie ihm bereitwillig erklärte. Nachdem Anselm in dem Gebäude verschwunden war, zückte die Schöne ihr Mobiltelefon und rief den Zahnarzt an, der ihr Gatte war, um ihn davon in Kenntnis zu setzen, dass gleich ein neuer Patient käme. Es habe sich wieder einmal einer, sagte sie lachend zu ihrem Mann, an ihrer Schönheit und ihrem Kuchen die Zähne ausgebissen.

Michael, 10. September 2021.

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