Epona

Kribbler, der sich bei einer Partneragentur angemeldet hatte und dem alles entscheidenden Kontaktanruf entgegenfieberte, ließ sein Mobiltelefon keine Sekunde aus den Augen. Nur einmal, als der Hunger ihn übermannte und er sich ein Butterbrot schmierte und mit Schnittlauch bestreute, war er einen Augenblick lang unkonzentriert. Es reichte, um alles, was er sich ausgemalt und zurechtgelegt hatte, von einem Moment auf den nächsten völlig durcheinander zu bringen. Just als er sich nämlich anschickte, das fertige, vor ihm liegende Butterbrot aufzunehmen, um davon abzubeißen, läutete sein Telefon. Kribbler, der vor dem wichtigen Gespräch wenigstens noch einen Happen zu sich nehmen wollte, griff blindlings zu, erwischte das Telefon, biss herzhaft hinein und erschrak darüber so sehr, dass er seinen Mund weit aufriss und das Gerät, das immer noch klingelte, irrtümlich schluckte. Es glitt unerwartet leicht Kribblers Speiseröhre hinunter und klatschte unangenehm heftig im Magensack auf. Kribbler wurde von nackter Panik befallen. Er wollte und durfte den Anruf nicht verpassen, im Rahmen dessen er mit größter Wahrscheinlichkeit die Frau für sein zukünftiges Leben kennenlernte. In wilder Entschlossenheit drückte er von außen an verschiedenen Stellen auf seinen Leib, um das Gespräch anzunehmen. Das schier Aussichtslose gelang. Kribbler vernahm endlich aus seinem eigenen Mund die quäkende Stimme einer Frau, die sich ihm als Epona vorstellte und ihn gleich tadelnd fragte, warum es so lang dauerte, bis er ans Telefon ging. Er sei schließlich vom Liebescomputer der Partneragentur für sie ausgewählt worden. Sie habe keine Zeit zu verlieren und wolle ihn, Kribbler, sofort treffen, weil sie schon rossig sei wie eine Stute, wenn er verstehe, was sie meine. Noch ehe Kribbler etwas erwidern konnte, ergriff Epona wieder das Wort. Sie hoffe, dass er nicht auf den Mund gefallen sei, schnarrte sie aus seiner eigenen Kehle heraus, und dass er ein guter Koch sei. Für sie ginge Liebe nämlich durch den Magen. Sie sei aber nicht empfindlich. Er, Kribbler, dürfe durchaus Kritik üben und müsse nicht alles schlucken, was ihm sauer aufstoße. Kribbler fühlte sich durch Eponas Wortwahl gekränkt; es war, als ob sie mit jedem Satz, den sie sagte, auf sein Missgeschick mit dem Mobiltelefon anspielte. Er presste sein Kinn an die Brust, um zusätzliche Resonanz zu generieren, und wollte schon zu einer Verteidigungsrede ansetzen, als Epona sich abermals aus seinem Magen heraus meldete und mit dem selben Satz wie davor ihre Rossigkeit erwähnte und auch wieder ihre drei Sprüche absonderte. Kribbler schlug sich ungeduldig auf die Leibesmitte, um Epona zu unterbrechen. Sein Bemühen blieb erfolglos. Aus dem Telefon schallten zum dritten, vierten und fünften Mal die selben nervtötenden Sprüche seine Speiseröhre hinauf. Plötzlich wurde es Kribbler klar, dass Epona gar keine Frau aus Fleisch und Blut sein konnte, sondern dass sie ein Chatbot sein musste. Weil ihre unerträgliche Stimme nach weiteren Schlägen in seine eigene Magengrube immer noch nicht verstummte, sprang Kribbler zum Kühlschrank, stopfte sich verzweifelt mit Sauerkraut und Dörrpflaumen voll und rannte los. Er schaffte es gerade noch bis zur Partneragentur, die nur wenige Blocks entfernt lag. Als er in hockender Stellung sein Mobiltelefon auf den Fußabtreter fallen hörte, vernahm er zum x-ten Mal, dass Epona immer noch rossig war wie eine Stute. Es kümmerte ihn nicht mehr. Er trabte leer wie ein beraubtes Pharaonengrab zurück nach Hause.

Michael, 17. September 2021

3 Kommentare zu „Epona

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