Tage wie diese

Es war ein sonniger, warmer Samstag Anfang Juni. Ich flog in einen Gastgarten, summte fröhlich vor mich hin und landete gekonnt am Rand eines fast leeren Bierglases, um statt Nektar etwas Bierschaum zu kosten. Immer dieses Süße geht einem ja auch mit der Zeit wirklich auf den Wecker, aber ihr müsstet wohl Bienen sein, um das zu verstehen. Leicht angeheitert flog ich beschwingt weiter und probierte es, nachdem es schon Abend wurde, an einer Bar mit einem 25-Jahre alten Whiskey, dessen rauchigen Geschmack ich wirklich liebte. Etwas blöd, dass der Gast nach kurzer Zeit wie wild nach mir zu schlagen begann, aber ich ihn mit einigen gekonnten Top-Gun-Flugmanövern in Maverick-Manier zur Verzweiflung brachte. Einer relativ jungen Blondine blieb mein Talent nicht unverborgen und sie zwinkerte mir zu. Relativ schnell flog ich rüber und nahm neben ihr Platz. Sie bestellte für uns zwei Tequila. Ich bevorzugte diese wie sie mit Salz und Zitrone. Selbstverständlich revanchierte ich mich für die Einladung und wir kamen nach kurzer Zeit wohl auf eine zweistellige Zahl, wobei ich mich nicht mehr ganz genau daran erinnern konnte. Ich flog jedenfalls mit ihr mit und wir verbrachten bei ihr – so viel weiß ich noch – eine grandiose Nacht miteinander. Sie bestätigte mir, dass ich dreimal – und das wohlgemerkt als Biene – zugestochen hätte. Wir frühstückten gemeinsam und ich flog dann heim. Zuhause verfiel ich in einen tiefen Schlaf und wachte als Fuchs auf. Diesmal zog es mich an die Börse und hatte ein paar ausgefuchste Deals am Start. Aber auch diese Tiergestalt hielt nicht lange an und ich nahm noch die Gestalt eines Pferdes, eines Tigers und eines Pfaus an. Ich war jedenfalls froh, als es Mitte Juni wurde und der Spuk ein abruptes Ende nahm. Mein Psychologe meinte nämlich, es handelt sich um das Otherkin-Phänomen. Ich würde also nur glauben, dass ich eine Biene, ein Fuchs, etc. gewesen wäre, in Wirklichkeit alles nicht wahr, ich bin ein Mensch. Ich war erleichtert, schließlich hatte ich nicht die besten Erinnerungen an meine Ausflüge, was sich schnell bestätigte. Als ich nach Hause ging, sagte ein Kind, als es mich sah, laut zu seiner Mutter, dass das der Mann wäre, der wiehernd durch den Stadtpark stundenlang gelaufen wäre. Die Mutter schüttelte den Kopf und hatte nur einen abschätzigen Blick für mich übrig. Als eine Gruppe französischer Touristinnen an mir vorüberging, lächelten mich alle verwegen an und ich wusste, es hatte wohl etwas mit dem Tiger zu tun. Über den Pfau konnte ich nichts in Erfahrung bringen, erst im Internet entdeckte ich später ein Video, wie ich auf einem Sockel mitten in der Stadt nur mit Federn bekleidet, verzweifelt versuchte, eine jüngere Dame zu beeindrucken. Als ich nach dem Heimweg zu Hause angekommen war, rechnete ich beim Öffnen der Wohnungstüre mit dem Schlimmsten. Es öffnete mir zu meiner Überraschung eine 25-jährige Blondine, sehr hübsch und ich war ihr anscheinend mit fast 60 Jahren noch nicht zu alt. Sie fände meine tierischen Verwandlungen einfach nur süß und interessant. Mein Selbstbewusstsein stieg ins Unermessliche. Erst als ich später meinen Kontostand von über fünf Millionen Euro entdeckte, den ich als Fuchs erwirtschaftet hatte, beschlich mir der leise Verdacht, dass es auch damit etwas zu tun haben könnte.

Harald, 17. Juni 2022

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