Met

Eigentlich fing ihr Tag schon völlig verkehrt an. Sie war mit ihren 37 Jahren bereits längere Zeit bei einem Psychologen in Behandlung, um ihre Depression halbwegs in den Griff zu bekommen. Heute musste er kurz auf die Toilette und ließ sie mit seinen handschriftlichen Aufzeichnungen allein. Bei der letzten Sitzung berichtete sie, dass sie sich selbst umbringen wollte. Sie konnte seine Notizen kaum entschlüsseln, aber unter dem Stichwort „Suizidgedanken“ führte ihr Psychologe tatsächlich die Aussage „Fortschritt! Es gibt wieder zukünftige Ziele!“ an. Sie dachte nur, dass er wohl noch durchgeknallter sein müsste als sie selbst. Sie verabschiedete sich daher an diesem Tag für immer von ihm, bedankte sich und meinte fast schon gut gelaunt, dass sie nun ihr Ziel selbst verfolgen könnte. Er schien sich über die Aussage tatsächlich zu freuen. Als sie gleich danach nachdenklich durch den Biobauernmarkt schlenderte, bemerkte sie eine Flasche Met. Honigwein, so hatte sie das jedenfalls in jugendlicher Erinnerung, würde für eine kräftige Stärkung auf allen Ebenen sorgen. Die Flasche war schnell gekauft und zu Hause geöffnet. Der Geschmack war hervorragend und innerhalb einer Stunde ging das Getränk zur Neige. Sie suchte mit dem Fahrrad einen weiteren kleinen Biomarkt auf, die es in der Gegend zur Genüge gab. Tatsächlich konnte sie zwei weitere Flaschen des selben Erzeugers erwerben. Den Inhalt der beiden Flaschen erwärmte sie diesmal, da dies laut Hinweis auf der Flasche anscheinend eine noch größere Wirkung erzeugen würde. Ihr wurde kurz vor dem Leertrinken leicht schwindlig und sie wollte sich gerade zu Bett begeben, als es an der Tür klingelte. Sie ging hinaus und öffnete neugierig die Tür, da sie um diese Zeit keinen Besuch mehr erwartete. Sie traute ihren Augen nicht, vor ihr stand ein echter Wikinger. Er war bewaffnetet, hatte einen Helm auf und darunter war längeres blondes Jahr zu sehen. „Komm herein, mein Krieger“, hörte sie sich hauchen. Der Wikinger schien sich die offensichtlichen Avancen gefallen zu lassen und begleitete sie ins Schlafzimmer. Sie entledigte sich sofort ihrer Kleider, mit einem echten Krieger hatte sie schließlich noch nie das Vergnügen. Der Wikinger schien etwas ungelenkig zu sein. „Wird wohl gerade irgendwo aus dem Eis erwacht sein“, kombinierte sie durchaus schlüssig, „ich würde wohl auch nach mehr als 1000 Jahren etwas wackelig auf den Füssen stehen.“ Als er auch endlich nackt war, bewunderte sie sein bestes Stück und schritt entschieden zur Sache. Trotz noch immer anhaltender Schwindelgefühle genoss sie es, den Krieger unter sich zu spüren. Er bäumte sich auf, hatte Kraft und sie fühlte fast, wie die Stärke sich auf sie übertrug. Nach dem Liebesspiel steckte sie ihn wieder in seine Kleider und schob ihn in Richtung Tür. Es schien tatsächlich so, dass seine Energie zur Gänze auf sie übergegangen war, da er wankend und verdattert von dannen zog. Am darauffolgenden Tag erwachte sie – sie hatte nicht einmal Kopfweh – voller Tatkraft. Sie brachte das Haus auf Vordermann, strich die Wände neu, wollte plötzlich mehr Farbe in ihrem Leben. Selbst im Garten kam sie in Windeseile voran, Sträucher geschnitten, Gras gemäht und Unkraut gezupft. Sie wollte gerade nach Drinnen gehen und nachsehen, ob der letzte Rest vom Met noch vorhanden war. Da hörte sie plötzlich ein Summen im Haselnussstrauch und gleichzeitig auch schon den Nachbar in seiner Imker-Bekleidung auf sie zukommen. Ihr schwante Böses und das sollte sich bewahrheiten. Sein gelber Imkerhut kam ihr bekannt vor und als er meinte, ob er heute sein abtrünniges Bienenvolk aus ihrem Garten abholen dürfte, da er gestern nach deren – so nannte er es – intensiven Kennenlernen nicht mehr annähernd in der Lage war, auch nur einen Schritt mehr zu tun. Sie bejahte und sah ihm dabei zu, wie er das Volk fachmännisch einfing. Nach einigen Minuten nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und fragte mit zugekniffenen Augen nach seinem Alter. Er meinte, dass er zwar 92 Jahre alt wäre, aber seit gestern fühlte er sich wieder wie 70. Sie schmunzelte etwas gequält und wollte ihn nur schnell loswerden. Er würde schon gehen, meinte er, vorher sollte sie aber von seinem selbst gemachten Met kosten. Dieser war einfach nur hervorragend und nach einer Flasche begann der Wahnsinn von vorne. Da ihm am dritten Tag trotz Met die Kraft ausging, einigten sich die Beiden auf einen zweiwöchentlichen Rhythmus. Seit diesem – so nannte sie es – regelmäßigem Ritual verflogen ihren Depressionen für immer. Ihren Psychologen traf sie nach einiger Zeit nochmals, dieser berichtete ihr über sein Burnout. Sie gab ihm den Tipp, dass er sich eine Met herstellende Imkerin suchen sollte und sich keinesfalls in psychologische Behandlungen begeben dürfte. Es hatte eigentümlicherweise fast den Anschein, als verstünde er den wohl gemeinten Rat.

Harald, 1. Juli 2022.

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