Orpheus reloaded

Ich sei mit Abstand der talentierteste Schüler, den er je unterrichtet hätte, sagte mein Gesangslehrer Georg. Jetzt, nachdem er mich ausgebildet und all sein Wissen an mich weitergegeben hätte, sei es wahrlich an der Zeit, dass die Welt erführe, was in mir steckte.

Ich fragte Georg, wie ich dies der Welt denn mitteilen sollte.

Indem ich etwas ganz Unerhörtes versuchte, rief mein Lehrer. Etwas, das erst einmal einer versucht habe, der aber schlussendlich gescheitert sei. Nach mehr als 3000 Jahren sei es nun aber an der Zeit, dass jemand einen neuen Versuch unternähme. Ich sei mit meiner begnadet schönen Stimme der richtige für ein solches Unterfangen.

Er spräche in Rätseln, sagte ich zu Georg. Er solle sich mir doch bitte genauer erklären.

Ganz einfach, sagte er. Ich solle in die Unterwelt hinabsteigen und die Götter noch einmal bitten, dass sie Euridike herausgäben und ihr die Rückkehr in die Oberwelt gestatteten.

Das sei doch absurd, rief ich. Nach 3000 Jahren wisse doch niemand mehr, wo sich der Eingang zur Unterwelt überhaupt befände.

Da brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, winkte Georg ab. Er habe sich bereits kundig gemacht. Wenn ich einverstanden sei, könnten wir bereits am folgenden Tag nach Griechenland fliegen.

Ich gab nach und wir machten uns auf die Reise. Wir mieteten einen Landrover und fuhren zum Kap Tenaro. Ein Führer brachte uns zu einer Höhle.

Wir warteten bis zur Abenddämmerung. Georg erklärte mir den Weg und drückte mir eine Taschenlampe in die Hand. Er wünschte mir viel Glück. Ich fragte ihn, ob er mich nicht sicherheitshalber begleiten wolle. Er verneinte. Für das, was ich vorhätte, sei ich allein der Richtige. Ich bedürfte keines Begleiters. Ich solle bloß auf die Macht meiner Stimme und meines Gesangs vertrauen.

Ich trabte los. Zu meinem Erstaunen war der Weg gut ausgeschildert. Ich gelangte rasch in die Tiefe. Bevor ich die Hütte des Höllenhundes Kerberos erreichte, fing ich zur Sicherheit zu singen an.

Meine Voraussicht erwies sich als Volltreffer. Der Höllenhund kam mir schwanzwedelnd entgegen und lauschte hingerissen meinem Gesang. Er begleitete mich zu seinem Herrn Hades, der mich singen hörte und augenblicklich dahinschmolz. Ich solle bloß nicht aufhören, rief er. Ich dürfe mir dafür alles von ihm wünschen, was mein Herz begehrte.

Ich sei hier, sang ich, weil ich mir wünschte, dass Euridike nach nunmehr 3000 Jahren des Schmachtens eine neue Chance erhielt, in die Oberwelt zurückzukehren.

Das passe ihm ausgezeichnet, erwiderte Hades. Euridike sei nämlich seit mittlerweile 3000 Jahren am Nörgeln. Das zehre gehörig an den Nerven der meisten Unterweltler. Ich dürfe sie also gern mitnehmen. Die Bedingungen seien allerdings die selben wie beim letzten Mal: Ich müsse vorangehen und dürfe mich während des Marsches nicht nach Euridike umdrehen.

Davon sei ich ausgegangen, sagte ich. Von mir aus könne es jederzeit losgehen, ich sei bereit.

Ich müsse mich noch ein klein wenig gedulden, sagte Hades, er habe nämlich veranlasst, dass Euridike vor unserem Aufbruch noch mit frischen Glockenblumen und Margeriten bekränzt würde, damit sie einen guten Eindruck machte, wenn sie oben ankam.

Ich nickte. Es dauerte nicht lange. Der Höllenhund kam und forderte mich auf, ihm zur unteren Pforte der Unterwelt zu folgen. Ich sang ihm noch ein letztes Lied. Dann gab Kerberos mir ein Zeichen, auf das hin ich wieder lostrabte, in der Hoffnung, dass Euridike sich unmittelbar hinter mir befand.

Um uns die Gehzeit kurzweiliger zu gestalten, ließ ich auch jetzt meine vielgerühmte Singstimme erschallen. Bis kurz vor dem Tor zur Oberwelt verlief alles zu meiner vollen Zufriedenheit. Dann mischte sich in meinen Gesang mit einem Mal ein Gesumm, dessen Ursprung ich nicht sofort ausmachen konnte. Schließlich entdeckte ich im Schein der Taschenlampe auf Höhe meines Kopfes ein Bienengeschwader, das mir vom Höhleneingang in Richtung Unterwelt entgegengeflogen war. Die Insekten bekundeten keinerlei Interesse an mir, sondern schwirrten an mir vorbei.

Als ich hinter mir auf einmal die Stimme einer verzweifelten Frau vernahm, wurde mir augenblicklich klar, dass die Glockenblumen und die Margeriten im Euridikes Kranz die Bienen angelockt hatten.

„So hilf mir doch!“, rief meine Begleiterin. „Ein paar haben mich bereits gestochen!“

Ich wusste nicht, wie ich handeln sollte. Ich hatte Hades doch das Versprechen gegeben, dass ich mich auf dem Rückweg unter keinen Umständen nach Euridike umdrehen würde.

„Zu Hilfe! Ich bin allergisch gegen Bienenstiche!“

Mir blieb keine Wahl. Ich zog das Notfallset aus meiner Bauchtasche hervor, packte die Adrenalinspritze aus, drehte mich herum, rannte auf die keuchende und wild um sich schlagende Euridike zu und stieß ihr die Nadel in die Brust.

Es war keinen Augenblick zu spät. Ihr Atem ging rasch wieder regelmäßiger und sie richtete sich aus ihrer gekrümmten Haltung wieder zu ihrer vollen Größe auf, sodass ihre makellose Schönheit im Licht der Taschenlampe den ganzen Gang erfüllte.

„Ich danke dir von Herzen für meine Rettung!“, hauchte Euridike. „Du weißt aber, was es bedeutet, dass du dich nach mir umgedreht hast?“

Ich nickte tapfer. Sie überließ mir zum Abschied ihren Blütenkranz aus Glockenblumen und Margeriten, an dem die Bienen inzwischen ihr Interesse verloren hatten.

„Leb wohl, mein Sänger!“, flüsterte Euridike, ehe sie sich umdrehte und den Weg zurück in die Unterwelt antrat. „Wir werden einander aller Voraussicht nach nie wiedersehen.“

„Wer weiß?“, rief ich ihr hinterher, ehe ich selbst meinen Weg in die Gegenrichtung fortsetzte. Im Grunde meines Herzens spürte ich aber, dass sie recht hatte.

Am Eingang wartete bereits Georg auf mich, der fest mit dem Gelingen unserer Mission gerechnet hatte. Ich schilderte ihm, was vorgefallen war.

„Verfluchte Bienen!“, sagte Georg zum Trost, nachdem ich geendet hatte. „Dich trifft keine Schuld. Weißt du was? Wir werden eine andere Partnerin für dich finden. In Bayreuth haben sie heuer eine sagenhafte Brünhilde. Sie ist, soweit ich weiß, noch nicht vergeben.“

Michael, 12. August 2022

5 Kommentare zu „Orpheus reloaded

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