Mauritius

Pankraz Andreas Fux, von seinen wenigen Freunden Pankreas gerufen, war von Kindheit an ein leidenschaftlicher Philatelist. Seine überbordende Liebe zu seinen Briefmarken und ein großzügiges väterliches Erbe hatten ihm den größtmöglichen Erfolg zuteil werden lassen, den ein Sammler einfahren kann: den Erwerb einer blauen Mauritius, einer der seltensten Briefmarken der Welt.

Pankreas Fux war Realist genug, um zu wissen, dass seine Mitmenschen ein unheilvoller Neid gepackt hätte, wenn sie von seinem Schatz Kenntnis erlangt hätten. 

Deshalb hielt er sein besonderes Postwertzeichen die meiste Zeit in einem Tresor in seinem Haus unter Verschluss und prahlte nie mit seinem wertvollen Besitz, ja erwähnte ihn nicht einmal. Nur manchmal, wenn er allein war, überkam ihn das Verlangen, seine besondere Marke hervorzuholen, zu betrachten und sich an ihr zu erfreuen. 

An einem sonnigen Vorfrühlingstag war es wieder einmal soweit. Nach Pankreas‘ Dafürhalten herrschten in seinem Wintergarten die besten Lichtverhältnisse. Obwohl ein paar Tage zuvor im Deckenbereich eine Glasscheibe zu Bruch gegangen war, die noch nicht erneuert worden war, wagte es Pankreas Fux, seine Mauritius aus der Enge ihres Tresors zu befreien, um sich wieder einmal an ihrem Anblick zu ergötzen. 

Als er sich schon eine Zeitlang an dem schlichten Porträt der Königin Victoria geweidet hatte, schellte auf einmal draußen im Vorraum das Telefon. Pankreas ließ seine wertvolle Marke für ein paar Momente unbeaufsichtigt und begab sich in die Diele, um den Anruf entgegenzunehmen. In der Leitung war der Briefmarkenhändler Knurrhahn, der Pankreas auch noch ein Angebot zum Erwerb einer orangefarbenen Mauritius unterbreitete, die genauso selten war wie die blaue. Pankreas ließ sich den Preis nennen. Obwohl er wusste, dass eine solche Gelegenheit sich kein zweites Mal auftun würde, sagte er Knurrhahn nicht auf Anhieb zu. Er müsse zuerst mit seiner Bank besprechen, ob ihm ein Kredit in der erforderlichen Höhe überhaupt gewährt würde. Nachdem Knurrhahn ihm ein paar Tage Bedenkzeit eingeräumt hatte, beendeten sie das Gespräch. 

Als Pankreas Fux in den Wintergarten zurückkehrte, nahm er zuerst ein mächtiges Summen wahr und bemerkte im nächsten Augenblick den Bienenschwarm, der auf dem Tisch ausgerechnet über seiner Mauritius kreiste. Pankreas dachte sich zuerst nichts besonderes dabei, sondern mutmaßte, dass seine Marke das erste blütenähnliche Objekt war, das die Bienen, die wohl durch die Lücke im Glasdach eingedrungen waren, nach der langen Winterruhe entdeckt hatten. 

Er ließ sie eine Weile gewähren. Plötzlich wurde ihm klar, dass seine Briefmarke auf dem Tisch ihre blaue Farbe eingebüßt hatte, die nunmehr von einem Braunton überlagert wurde. Ihm dämmerte, dass sich die Bienen auf ihrem Reinigungsflug befanden, im Rahmen dessen sie sich der über den Winter angefallenen Exkremente entledigten. 

„Verdammte Mistviecher!“, schrie Pankreas Fux entsetzt. „Ihr habt mein Ein und Alles völlig zugekackt! Verschwindet sofort aus meinem Wintergarten!“ 

Er packte einen Reißbesen, der in einer Ecke stand, fuchelte wild herum und hieb panisch mitten in den Schwarm. 

Die Reaktion der Bienen ließ nicht lange auf sich warten. Nach etwa einem Dutzend Stichen wurde Pankreas ohnmächtig und sackte zu Boden. 

Als er wieder zu sich kam, lag er in einem Krankenzimmer. Jemand hielt seine Hand. Pankreas richtete seinen Blick zum Bettrand und erblickte dort den Briefmarkenhändler Knurrhahn. 

„Meine Marke?“, fragte Fux müde. „Wie geht es ihr?“ 

„Sie ist hinüber“, seufzte Knurrhahn. „Die Versicherung des Imkers wird den Schaden übernehmen.“ 

„Das ist gut für mich“, sagte Fux. 

„Für die Versicherung aber nicht“, erwiderte Knurrhahn. „Nach der Abwicklung der Zahlung wird sie liquidiert.“ 

Pankreas legte seine Stirn in Falten und dachte nach. 

„Das bedeutet doch“, sagte er nach einer Weile, „dass ich flüssig bin wie nie zuvor. Weißt du was? Ich kaufe mir zum Trost die orangefarbene Mauritius.“

„Das hatte ich im Stillen gehofft“, sagte Knurrhahn lächelnd. Er tätschelte ihm liebevoll den Handrücken. 

Michael Burgholzer, 26.8.2022

Ein Kommentar zu „Mauritius

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