Gastbeitrag: Wie es kam, dass Herr Emm um Haaresbreite einem schrecklichen Tod entrann

Herr Emm sah sich als sicheren Autofahrer an, der kaum jemals die Ruhe verlor, immer die Übersicht bewahrte und stets sicher an sein Fahrziel gelangte.

Deshalb hasste er auch Störungen aller Art, die das Potenzial hatten, seine Konzentration während der Fahrt zu beinträchtigen. Sein Funk-Fernsprechgerät schaltete es deshalb stets ab, sobald er hinter dem Steuer saß, noch bevor er den Schlüssel ins Zündschloss steckte. Freisprecheinrichtungen misstraute er, da jedes Gespräch, sei es noch so banal, einen Teil seiner Aufmerksamkeit beanspruchte. Und Aufmerksamkeit war gefragt, wenn man annähernd 2 Tonnen Stahl, Kunststoff, Glas und Gummi mit der Kraft von über 100 Pferden durch ein dichtes Gewirr ebensolcher Monster zu steuern hatte und das mit einer Geschwindigkeit, von der die meisten Kreaturen nur träumen konnten, wenn sie dies denn taten.

Hautflüglern schrieb Herr Emm ein besonderes Gefahrenpotential zu. Neben der allgemeinen Ablenkung durch ihr Herumgefliege hatten etliche Arten die unangenehme Eigenschaft mehr oder weniger schmerzhafte Stiche zu verteilen. Mücken, Bremsen, Wespen, Hornissen und auch die von Herrn Emm ansonsten so geschätzten Bienen. Sie alle konnten unangenehm stechen und taten dies aus unterschiedlicher Motivlage auch. Selbst die meist gutmütige Hummel ließ sich, wenn genügend gereizt, dazu hinreißen.

Herr Emm steuerte also sein Automobil wie immer sicher durch den dichten Nachmittagsverkehr. An eine Kreuzung musste er anhalten. Da es heiß im Wagen war, ließ Herr Emm die Seitenscheibe hinabgleiten. Auch nach vielen Jahren verspürte Herr Emm ein fast kindliches Vergnügen daran, bloß auf einen Knopf drücken zu müssen und das Fenster glitt wie von Geisterhand getrieben nach unten. Noch größer war seine Freude, als er dies auch mit der Scheibe auf der Beifahrerseite tun konnte, um für eine gewisse Bewegung der Luft zu sorgen. Gerade als das Beifahrerfenster hinunterglitt, flog eine stattliche Hornisse hindurch. Herr Emm hielt die Luft an und verfolgte die Flugbewegung der Großwespe aus den Augenwinkeln, da er das Tier nicht auf sich aufmerksam machen wollte. Das gelang ihm auch. Die Hornisse flog unbeirrt durch das geöffnete Fahrerfenster wieder in Freie. Herr Emm schloss sofort beide Fenster, drehte die Klimaanlage eine Stufe kälter und atmete laut hörbar wieder aus. Gerade noch einmal gut gegangen, dachte er.

Zuhause angekommen nahm sich Herr Emm vor, seiner Frau unverzüglich von diesem glücklichen Zufall zu berichten. Als er aus seinem Fahrzeug stieg, musste er sich kurz am Türholm abstützen, um nicht in einen Haufen Hundekot zu treten, den der Besitzer des Köters nicht ins Sackerl gepackt und weggeworfen hatte. Just in diesem Moment hatte sich ein Bienchen auf die von der Sonne aufgeheizte Karosserie gesetzt und Herr Emm griff genau auf das Tier, das nach Bienenart reagierte und unter Hingabe des eigenen Lebens Herrn Emm schmerzhaft in den Handballen stach.

Panik stieg in Herrn Emm auf, er warf die Autotür, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, schwungvoll zu, verzichtete darauf, sie zu versperren und hetzte in das Haus, in dem sich seine Wohnung befand. Hoffentlich ist der Lift unten, dachte er, als er versuchte, sich im Laufen den Stachel samt Giftapparat aus der Haut zu reißen. Was ihm aus mehreren Gründen nicht gelingen wollte. Zum einen war die Laufbewegung hinderlich, zum anderen hatte Herr Emm seine Lesebrille zum Fahren natürlich abgenommen und zum Dritten hatte er gerade seine Nägel manikürt und hätte das corpus delicti ohnehin nicht greifen können. Wenigstens glitt die Lifttür sofort zur Seite und Herr Emm fuhr in den 5. Stock, wo sich die eheliche Wohnung befand. In der Enge der Liftkabine stieg sein Puls rasant an, Schweiß brach auf seiner Stirn aus und er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Herr Emm versuchte einen weiteren Kragenknopf zu öffnen, griff sich abwechselnd auf die linke Brustseite und an den Hals, verfluchte den ausgerechnet heute zu langsam fahrenden Lift und stürzte oben angekommen zur Wohnungstüre. Seiner entgeistert blickenden Frau hielt er nur die Hand vors Gesicht und stammelte keuchend: „Biene… Rettung…. sofort… anafühl… anaviel… verdammt… Schock!“

Vor Herrn Emms Augen begann es schwarz zu werden, als er die Hände seiner Frau stützend auf seinen Schultern spürte. Sie sah ihm tief in die Augen und sagte: „Emm, du musst jetzt stark sein!“ Dann verpasste sie ihm eine schallende Ohrfeige. „Hysterischer Schock, nicht allergischer“, diagnostizierte sie lapidar.

So kam es, dass Herr Emm nur um Haaresbreite und durch das beherzte Eingreifen seiner Frau einem schrecklichen Tod entrann.

© Martin Siegel, September 2022

Namen, Orte und Handlung sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen oder Personen ist rein zufällig und unbeabsichtigt.

2 Kommentare zu „Gastbeitrag: Wie es kam, dass Herr Emm um Haaresbreite einem schrecklichen Tod entrann

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