Lüge und Wahrheit

Leopold blickte versonnen in sein Weinglas, schaute hinunter bis auf den Boden. Plötzlich bemächtigte sich seiner ein seliges Lächeln. 

„Es stimmt tatsächlich, Gisela!“, sagte er zu seiner Frau, die ihm gegenüber saß und sporadisch an ihrem Pfefferminztee nippte. „Im Wein ist Wahrheit. Ich kann sie eindeutig erkennen im Bauch meines Glases.“ 

„Unsinn!“, entgegnete Gisela nüchtern. „Du machst dich bloß wichtig.“ 

„Sieh selbst!“, rief Leopold und hielt ihr sein Glas hin. Gisela kniff die Augen zusammen und schaute tief ins Trinkgefäß. 

„Unglaublich!“, murmelte sie. „Auch ich habe tatsächlich etwas entdeckt in deinem Glas. Es hat lange Beine. Sieht aus wie eine Gazelle.“ 

„Das passt doch zusammen!“, sagte Leopold und schlug sich triumphierend mit der Faust in die flache Hand. „Was du siehst, hat lange Beine. Also kann es keine Lüge sein!“

„Du hast recht!“, stimmte Gisela ihm zu und gab ihrem Gatten das Glas zurück. „Wir sollten dennoch vorsichtig sein und keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich sehe nämlich noch etwas anderes.“ 

„Was denn?“, fragte Leopold neugierig und versenkte erneut seinen Blick in seinem Glas. „Das Weiße neben der Gazelle?“ 

„Genau!“, bestätigte Gisela. „Es sieht aus wie ein dicker Batzen Spucke.“

„Du meinst doch nicht, dass die Gazelle in meinen Wein gespuckt hat?“ 

„Nein, nein“, versicherte Gisela. „Aber vielleicht hast du selbst hinein gespuckt. Irrtümlich.“

„Du bist doch nur neidisch“, wetterte Leopold, „weil in deinem Pfefferminztee gar nichts schwimmt!“ 

„Das stimmt doch überhaupt nicht!“, erwiderte Gisela. „Auch in meinem Tee schwimmt etwas!“ 

„Und was soll das bitte sein?“

„Das sieht man doch!“, rief Gisela. „Ein totes Insekt, eine Biene!“

„Deine Biene“, sagte Leopold, „hat kurze Beine. Also handelt es sich um eine Lüge.“

„Klingt logisch“, bestätigte Gisela. „Wir sollten aber lieber auf Nummer sicher gehen. Wir brauchen einen Beweis.“

„Nichts leichter als das!“, behauptete Leopold. „Schütten wir einfach Wein und Tee zusammen. Dann müssten die kleine Gazelle und die Biene sich in nichts auflösen. Wie Materie und Antimaterie. Minus mal Minus ergibt Plus. Lange Beine, kurze Beine, puff!“ 

„Ausgezeichnete Idee!“, rief Gisela. Sie nahm Leopolds Weinglas und kippte dessen Inhalt in ihre Teetasse. 

„Und?“, fragte Leopold neugierig. „Sieht man noch etwas?“ 

„Ich glaube nicht“, erwiderte Gisela. „Aber überzeug dich selbst.“ 

Leopold musterte akribisch das Innere der Teetasse. 

„Nichts. Beweis erbracht“, sagte er dann. „Zur Sicherheit sollten wir aber noch kosten.“ 

Er nahm einen Schluck aus der Tasse. 

„Und?“, fragte Gisela neugierig. „Wonach schmeckt es?“ 

„Nach Tee und nach Weißwein“, sagte Leopold. „Und nach Spucke.“

„In der Physik gibt es keine Überraschungen“, erwiderte Gisela strahlend. „Das liebe ich.“ 

Michael, 23. September 2022.

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