Harmagedon

Wie immer unangekündigt biegt Kurt von den Zeugen Jehovas mit seinem kleinen gelben Peugeot in meine Hofeinfahrt. Seine Frau Dagmar winkt vom Beifahrersitz. Aufgeregt springen beide aus dem Wagen.

„Jetzt ist es endlich soweit!“, ruft Kurt und rudert mit den Armen.

„Was ist soweit?“, frage ich unsicher.

„Na, Harmagedon! Der Weltuntergang!“

„Was?“, rufe ich entsetzt. „Jetzt sofort?“

„Ja, genau!“, erwidert Dagmar begeistert. „Gleich geht’s los und wir sind mittendrin!“

„Ich bin gar nicht begeistert“, gestehe ich. „Woher wisst ihr es überhaupt, dass es so weit ist?“

„Ist doch egal“, winkt Kurt ab. „Hauptsache, wir sind live dabei.“

„Mir ist es nicht egal“, beharre ich. „Woher wisst ihr es also?“

„Wir haben diese Pilze geraucht, Kurt und ich“, gesteht Dagmar. „Danach haben wir es gleich gewusst.“

„Was für Pilze?“

„Na, diese Pilze, die auf den Almen auf dem Schafdung wachsen. Wenn man sie trocknet, kann man sie prima rauchen.“

„Ihr seid doch komplett verrückt!“, rufe ich. „Alle beide! Völlig durchgeknallt!“

In diesem Moment grollt hinter dem Wäldchen ein Donner, wie ich ihn nie zuvor in meinem Leben gehört habe.

„Hörst du das?“, schreit Dagmar triumphierend. „Am Ende haben wir Zeugen also doch recht behalten!“

„Man muss keine Pilze geraucht haben, um diesen Donner zu hören“, räume ich ein. „Es muss aber eine natürliche Erklärung dafür geben.“

In diesem Moment zucken Blitze, so grell, dass es uns in den Augen wehtut.

„Muss es nicht!“, widerspricht Kurt. „Gleich wird der Erzengel Michael erscheinen und die himmlischen Heerscharen im finalen Kampf gegen den Satan anführen!“

„Und Jesus?“, frage ich entgeistert.

„Wieso Jesus?“, fragt Dagmar. „Das hier ist Harmagedon!“

„Sind laut eurer Lehre nicht Jesus und der Erzengel Michael ein und die selbe Person?“

„Wir werden uns doch jetzt nicht mit solchen Kleinigkeiten aufhalten!“, ruft Kurt, während es abermals laut donnert.

„Noch etwas ist seltsam“, sage ich. „Ist es euch gar nicht aufgefallen, dass es zuerst donnert und erst danach blitzt?“

Wie zur Bestätigung fahren die Blitze zu dem vorherigen Donner nun in die Erde.

„Noch einmal“, sagt Kurt ganz langsam. „Es ist Harmagedon. Das Ende der Welt. Die Naturgesetze sind aufgehoben. Wir erwarten augenblicklich den Erzengel.“

„Mir wäre Jesus lieber“, sage ich. „Ich glaube, er ist im Gegensatz zum Erzengel ein Pazifist.“

„Vielleicht kommen ja beide?“, sagt Dagmar, während sich ein starker Sturm erhebt, der uns beinahe umweht.

„Nein!“, schreit Kurt. „Nein, so steht es nicht geschrieben! Wir reden hier ja nicht von Horkruxen!“

Abermals donnert es. Nach dem wiederum folgenden Blitz erscheint der ersehnte Erlöser weder in Gestalt des Erzengels Michael noch in der von Jesus Christus selbst. Der einzige, der sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite zeigt, ist der Nachbar Wampeck.

„Das ist ein Wetter heute“, sagt er zu Kurt, Dagmar und mir. „Man könnte fast glauben, die Welt geht unter!“

„Wer ist das?“, fragt mich Kurt leicht irritiert. „Ein Philosoph?“

„Das ist nur mein Nachbar Wampeck“ erwidere ich. „Er wäre sicher gern der Antichrist geworden, aber leider hat es dafür nicht gereicht bei ihm.“

„Es geht jetzt wirklich die Welt unter, Herr Wampeck“, sagt Dagmar zu meinem Nachbarn. „Gleich beginnt die Schlacht von Harmagedon.“

„Das passt mir jetzt überhaupt nicht!“, ruft Wampeck. „Ich muss jetzt gleich zu einer Mostverkostung. Ich will mit dem Moped fahren. Da kann ich keinen Weltuntergang gebrauchen und keinen Donner und keinen Blitz, und Regen auch nicht.“

Auf dieses Stichwort hin setzt ein Sprühregen ein, dessen Herkunft wir uns nicht erklären können. Zu allem Überdruß verdunkelt sich auch noch der Himmel.

„Das sind Heuschreckenschwärme!“, ruft Kurt. „Eine der biblischen Plagen! Das passt zu Harmagedon!“

Wampeck streckt ungerührt einen Finger in die Luft.

„Unsinn, das sind keine Heuschrecken, das sind Honigbienen! Au! Jetzt haben mich auch noch ein paar von den Biestern gestochen! Jetzt reicht es mir endgültig! Der ganze Spuk muss sofort aufhören! Wenn es um meine Mostverkostung geht, verstehe ich keinen Spaß!“

Er zieht sein Mobiltelefon hervor und fängt an, wie wild auf das Display zu tippen.

„Die Welt geht unter!“, schreit Dagmar in den nächsten Donner. „Wie kann man da nur an sein Telefon denken?“

„Still!“, schneidet Wampeck ihr das Wort ab. „Ich muss meine Mostverkostung retten!“

In rasender Geschwindigkeit fliegen seine dicken Wurstfinger fieberhaft über das Display. Plötzlich klart es auf. Der Himmel erhellt sich wieder. Die Bienenschwärme ziehen ab. Weitere Donner und Blitze bleiben aus. Harmagedon scheint mit einem Mal wieder in weite Ferne gerückt.

„Wie haben Sie das gemacht?“, fragt Kurt fast ein wenig enttäuscht. „Was haben Sie in Ihr Telefon getippt?“

„Gebete“, erwidert Wampeck knapp. „Lauter Gebete.“

„Zu welchem Gott beten Sie?“, fragt Dagmar. „Zu Jehova?“

„Kenn ich nicht“, sagt Wampeck, steckt sein Mobiltelefon wieder ein und öffnet seine Garage, um sein Moped ins Freie zu schieben. Er betätigt den Starter.

„Jetzt verkoste ich meinen Most“, ruft Wampeck und braust davon. Kurt und Dagmar blicken ihm ein wenig ungläubig nach.

„Es tut mir leid“, sage ich zu Kurt und Dagmar, „aber es klappt wohl heute nicht mehr mit dem Weltuntergang. Vielleicht ein andermal.“

Sie schütteln schweigend ihre Köpfe, deuten einen Gruß an und steigen in ihren Peugeot. Sie verlassen meine Hofeinfahrt. Entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten vergessen sie diesmal sogar, mir die neueste Ausgabe ihres Wachturms dazulassen.

Zufrieden ziehe ich mich ins Haus zurück und trete erst wieder hinaus ins Freie, als ich Wampecks Moped höre. Ich überquere die Straße, springe ihm vor den Lenker und hindere ihn daran, dass er seinen fahrbaren Untersatz in seine Garage schiebt.

„Du hast doch noch nie gebetet, alter Ketzer!“, rufe ich. „Wie hast du es also angestellt, dass Bienen, Blitz und Donner verschwunden sind?“

„Kleinigkeit!“, lallt Wampeck stolz mit vom Most schwerer Zunge. „Das waren nur die neuerdings vorgeschriebenen Druckluft- und Blinkübungen der Feuerwehr, die auch die Bienenvölker irritiert haben. Ich habe Oswald, dem Kommandanten, eine Nachricht geschickt, dass alles gut funktioniert hat und dass sie wieder aufhören können mit den Übungen. Dann haben sich die Bienen beruhigt und sind wieder heimgeflogen.“

„Manchmal“, sage ich zu Wampeck, „bist du ein richtig Schlauer! Aber eben nur manchmal.“

Zum Dank umarmt er mich und haucht mir mit seinem Mostatem einen Kuss auf die Stirn. Benebelt trabe ich wieder ins Haus.

Als ich einige Wochen später an einem Samstag ein Kaufhaus in einer nahegelegenen Kleinstadt aufsuche, um einen neuen Eierschneider zu erstehen, treffe ich dort in der Haushaltsabteilung zu meinem Erstaunen auf Kurt und Dagmar.

„Müsst ihr denn heute gar nicht missionieren?“, frage ich sie. „Der nächste Weltuntergang kommt doch ganz bestimmt.“

„Seit dem Vorfall neulich sind wir keine Zeugen Jehovas mehr“, erklärt mir Dagmar. „Wir haben den Glauben an Harmagedon verloren.“

„Und woran glaubt ihr jetzt?“, frage ich erstaunt.

Sie stülpen sich im selben Augenblick Nudelsiebe aus dem Haushaltssortiment über ihre Köpfe.

„Jetzt glauben wir ans fliegende Spaghettimonster“, lächelt Kurt. „Das finden wir viel nudeliger.“

Michael, 4.November 2022

2 Kommentare zu „Harmagedon

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