Mezkal

Ich sah, dass aus dem Boden vor mir ein seltsamer Schlauch ragte, den ich ins­tink­tiv tierischem Ursprung zuschrieb. Ich bat meinen Faunaberater um seine Ein­schätzung.

Ich liege völlig richtig, sagte mein Berater, der Schlauch sei der hohle abgestorbene Leib eines Wurms, an dessen sich im Erdreich nicht selten ein Wurmloch befinde. Ich zog den Schlauch, der ein wenig gekrümmt war, in eine senkrechte Position und blickte durch die Öffnung ins Erdinnere.

Zu mei­nem Erstaunen entdeckte ich am anderen Ende des Loches eine Bar. Der Barkeeper winkte freundlich durch das Wurmloch zu mir heraus. Er sah aus wie eine Schraubensabelle. Er rief mir etwas zu.

„Komm herein zu mir auf einen Drink!“

Seltsamerweise verstand ich seine Wurmsprache. Ich sah meinen Fauna­berater hilfesuchend an.

„Nur zu!“, ermunterte mich der Berater. „Besuchen Sie die Bar!“

„Wie soll ich denn durch diesen engen Schlauch in die Bar hineinge­lan­gen? Ich bin doch um ein Vielfaches zu voluminös.“

„Unsinn!“, sagte mein Fauna­berater. „Nur Mut! Versuchen Sie es! Quetschen Sie sich zusammen! Dann klappt es schon! Sie sind doch vor langer Zeit schon einmal durch einen viel zu engen Schlauch gekrochen!“

„Ich erinnere mich nicht!“, rief ich. „Wann soll das denn bitte gewesen sein?“

„Im Rahmen Ihrer Geburt!“, erwiderte mein Berater. „Zwi­cken Sie also auch diesmal Ihre Backen zusammen und nehmen Sie einen Drink bei der freundlichen Schraubensabelle in der Wurmbar!“

„Meinen Sie wirklich?“

„Ja, nur zu!“

Ich faltete mich also zusammen so gut es ging und versuchte mich in die enge Röhre zu zwängen. Es klappte nicht auf Anhieb. Ich zog meinen Bauch ein, atmete alles aus, was an Luft noch in mir war, verknotete Arme und Beine und kniff meine Gesäßbacken noch enger zusammen.

„Los, los!“, machte mein Faunaberater mir Mut. „Ich wer­de Sie schubsen!“

Ich atmete weiterhin nicht, fasste mir ein Herz und quetschte mich mit aller Macht in die enge Röhre. Mein Berater hielt Wort und half im ent­schei­denden Moment nach.

Das Unterfangen gelang. Ich flutschte nach wenigen Sekunden erstaunlich elegant unten aus dem Schlauch und plumpste auf den glitschi­gen Boden der Bar.

„Schön, dass du es geschafft hast“, säuselte die freundliche Schraubensabnelle, die mich hinter der Bar erwartete. „Willkommen in der Wurm­bar! Was willst du trinken?“

„Kann ich die Karte haben?“, fragte ich noch ein wenig benommen, während ich mir wieder mehr Raum gönnte.

„Kannst du, kannst du“, säuselte die Sabnelle. „Wo ist sie denn bloß?“

Sie wuselte hektisch hinter dem Tre­sen hin und her.

„Jetzt weiß ich es wieder“, seufzte sie nach einer Weile. „Kannst du doch nicht. Wir haben nämlich keine Karte. Es gibt nur einen einzi­gen Drink in meiner Bar.“

„Und der wäre?“, fragte ich ein wenig enttäuscht.

„Ein ausgezeichneter Mezkal“, säuselte der Barkeeper.

„Fein“, sagte ich. „Den nehme ich. Mit einem besonders fetten Wurm am Boden des Glases.“

„Das hier ist eine Wurmbar, die von Würmern betrieben, beliefert und besucht wird“, erwiderte die Sabnelle. „Bei uns gibt es ergo keine Würmer im Mezkal. Das können wir einfach nicht bringen. „

„Schade“, sagte ich. „Was steckt ihr dann hinein in euren Schnaps?“

„Kleine Menschen“, erklärte die Schraubensabnelle. „Was sonst?“

„Ich bin ein kleiner Mensch“, erklärte ich entsetzt. „Mir ist die Lust auf Schnaps vergangen.“

Der Barkeeper lachte. „Das Sagen anfangs alle, aber sieh dich dort im Spiegel doch genauer an. Du hast dich, während du durch diese Röhre in meine Bar gerutscht bist, in einen Wurm verwandelt.“

„Na, dann“, sagte ich, nachdem ich mich ausgiebig im Spiegel betrachtet hatte, „schenk mir eben einen Mezkal ein mit einem kleinen Menschen auf dem Boden des Glases.“

Die Schraubensab­nelle reichte mir mein Getränk. Ich blickte durch die Röhre hinauf zu meinem Fau­naberater, der zustimmend nickte. Ich prostete ihm zu und leerte das Glas. Ich schmeckte nur den Mezkal.

Michael, 11. September 2026

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