Als Universitätsprofessor an der Akademie der bildenden Künste in Wien beschäftige ich mich mit verschiedenen Einflüssen und Theorien. Gerade angehende Künstlerinnen legen Wert auf meine Expertise und diese vertiefe ich oft in verschiedenen Bars, meist im zweiten Bezirk. Wie auch bei vielen anderen Berufen färbt diese intensive Beschäftigung auch auf das Privatleben ab. So habe ich aus diesen vielen Barbesuchen die belastbare Theorie entwickelt, dass Künstlerinnen, die Guinness-Bier trinken, völlig unschmusbar sind. Ich küsste viele und jedes Mal, wenn eine Künstlerin dieses Bier getrunken hatte – und ich verstehe wirklich nicht, warum dieses Gesöff in diesen Kreisen so beliebt sein musste, kam fast schon bei Berührung der Lippen ein unnatürlicher Würgereiz meinerseits und der Abend war gelaufen. Manchmal lud ich sie dann auf Vodka-Redbull als Reparaturgetränk ein, aber selbst mehrere davon halfen nicht. Vor einem halben Jahr traf ich mich mit einer Austauschstudentin, deren Bilder mich frappant an Artemisia Gentileschi erinnerten, ausdrucksstark, kämpferisch, selbstermächtigt. Ich gab ihr Anregungen, wie sie noch mehr Dramatik in den Bildern transportieren könnte, aber auch mit dem Hinweis, dass sie bereits Meisterwerke schuf. „Grandios“, erinnerte ich mich an das Bild, das sie mir gezeigt hatte, „Judith und Holofernes in die Gegenwart transportiert“. Sie nippte an ihrem Guinness und ich sah nach der Kellnerin, um zu bezahlen. Während mein Blick im Barraum herumirrte, zog sie mich zu sich und küsste mich mit Zunge ungefragt. Ich war so perplex, dass ich ihren ausgiebigen Guinness-Konsum völlig ignoriert hatte. Sie schmeckte gut, ja, ich muss auch aus heutiger Sicht bestätigen, wirklich gut. Diese Frau wusste, was sie wollte, in der Kunst und im Leben. Ich ließ es also geschehen und mittlerweile sind wir ein Paar. Das meine ganzen Freunde dämlich lachen, wenn sie ein Guninness bestellt, ist mir mittlerweile völlig egal. Als Universitätsprofessor bin ich es gewohnt, dass manche Theorien, so auch die von mir verbreitete „Unschmusbar“-Theorie, falsifiziert wurden.
Harald, 11. September 2026.