In der Longevity-Bar eines Bekannten versammelten sich bis auf Montag (Ruhetag) die Elite der Stadt.
„Noch drei Ingwer-Wasser“, meinte ein tatsächlich gutaussehender Mittdreißiger.
Ich musste zugeben, dass das auch wirklich etwas für sich hatte. Nächsten Tag kein Kopfweh, keine Filmrisse, aber auch halt kein Tequila und kein Schmusen (vermutlich einer möglichen Keimübertragung geschuldet).
Wir waren heute zu fünft und ich schrie Richtung Barkeeperin, die mehr den Flair einer diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegerin hatte: „Fünf Spermidin-Zitronenwasser“.
Wir schlürften das Wasser und beobachten das Geschehen. Es war fast so wie früher, vielleicht sogar etwas besser. Selbst der Zigarettenrauch fehlte mir in keiner Weise. „Noch eine Runde?“, kam die Pflegerin um die Ecke. Wir bejahten und schauten uns in der Bar um, als drei Frauen die Bar betraten. „Ähh…“, stotterte Norbert und ich konnte mir vorstellen, was das hieß. Keiner von uns wusste so wirklich, wie wir Frauen nüchtern ansprechen sollten, aber Mut hatten wir trotzdem genug.
„Lust auf ungesüßte Kräutertees?“, probierte ich es. Nach einer kurzen Diskussion der Drei stießen wir mit Grünen Tee an. Sie waren hübsch, humorvoll, intelligent, ja, eigentlich perfekte Partnerinnen fürs Leben.
Normalerweise hätte ich da schon einen viel zu hohen Blutdruck und würde mich um Kopf und Kragen reden. Ich blieb seltsamerweise völlig ruhig, ja fast desinteressiert. Aber selbst die Smartringe unserer Bekanntschaften schienen keinen besonderen Ausschlag festzustellen. So standen wir an der Bar: Acht gesunde Menschen, optimale Herzfrequenz, perfekter Blutzucker, keinerlei toxische Substanzen im Körper – und absolut keine Ahnung, was wir miteinander anfangen sollten.
Eine der Frauen erzählte vom letzten Urlaub. Ich erwischte mich nun doch, dass ich sogar etwas mit ihr flirtete. Dann vibrierte plötzlich ihr Ring.
„Mein Stresslevel ist um sieben Prozent gestiegen“, schaute sie aufgeregt Richtung ihrer Freundinnen. Sofort wurde es still. „Vielleicht sollten wir das Gespräch abbrechen“, meinte Sybille.
Wir nickten verständnisvoll. Schließlich wollten wir keinesfalls niemandes biologisches Alter unnötig beschleunigen. Die drei Frauen verabschiedeten sich freundlich und verließen die Bar.
Norbert sah mich an: „Früher hätten wir ihnen vermutlich jetzt hinterher geschaut.“
„Das haben wir doch!“, empörte ich mich.
„Nein“, sagte er, „ich meinte auf den Hintern.“
Ich überlegte kurz. Wir wechselten zur Bar an der anderen Straßenseite und ich bestellte fünf Tequilas. Irgendwann mussten wir ja mit dem Altern anfangen.
Harald, 09. Oktober 2026.