Meine Freunde

„Tequila, für mich und meine Freunde“, schrie Rüdiger voller Inbrunst Richtung Barkeeperin.

Es war vermutlich die neunte Runde. Dass seine Freunde immer mehr wurden in dieser Bar, versteht sich von selbst. Bis vor kurzem war ihm das auch egal, aber mit über dreißig wollte er nun doch etwas tiefgründiger werden.

„Tequila, für mich und meine echten Freunde“, versuchte er eine erste Reduktion. Und tatsächlich war die Tequila-Runde schon etwas kleiner.

Nächsten Freitag verfeinerte Rüdiger seine Bestellung weiter: „Tequila, für mich und meine Freunde, die mich auch nüchtern mögen“. Eine gute Handvoll Freunde blieben übrig, vielleicht auch deswegen, weil ihn nur wenige in dieser Bar auch nüchtern kannten.

Das Wochenende darauf eröffnete Rüdiger die erste Runde: „Tequila, für mich und meine Freunde, die mir schon mal beim Umzug geholfen haben“. Vier Tequilas.

Zweite Runde: „Tequila, für mich und meine Freunde, die mich auch anrufen, wenn sie nichts brauchen“. Drei Tequilas inklusive Rüdiger.

Nachdenklich schaute er in die wenigen Gesichter, bestellte aber noch weitere zehn Runden in diesem kleinen Kreis.

Nun wurde er noch mutiger: „Tequila, für mich und meine Freunde, denen ich alles erzählen kann“. Rüdiger sah sich um. Niemand, da war niemand.

„Wo sind meine Freunde, verdammt noch mal!“, echauffierte sich Rüdiger.

Er wollte gerade seinen Kopf in die verschränkten Arme auf den Bartresen fallen lassen, als ihm die Barkeeperin zwei Tequila zubereitete und mit ihm anstieß.

„Vielleicht sollten wir mal gemeinsam was essen gehen“, meinte sie leise.

Harald, 02. Oktober 2026.

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