Livebericht

Ich saß in einer der In-Bars im Herzen von München, die sich irgendwie auf „zefix“ reimt. Und da hätte ich es eigentlich schon wissen müssen. Alles am Anfang ganz harmlos, Cosmopolitan, drei davon, gelungener Auftakt. „Herb-süß, perfekte Farbe“, hielt ich in meinen Notizen fest. Danach verloren sich die brauchbaren Aufzeichnungen bereits schnell, wie ich heute Morgen zu meinem Leidwesen feststellen musste.

Ich nebulierte wohl bereits nach dem zweiten Cuba Libre, natürlich mit Havana Rum zubereitet. „Weißer… nein, oder, brauner, weiß, der ist weiß, Rum…, wer bist Du?“, hielt ich als Sprachnotiz fest.

Ich hätte auch „Die Zeit“ vorher lesen sollen, dann wäre mir bereits klar gewesen, dass ich mich nicht in jede Frau verlieben sollte, die mich anlächelte.

Jedenfalls spüre ich jetzt am Morgen meinen Kopf und brauche einen Kaffee. Espresso, schwarz, macht wach. Irgendwie verliert sich meine Erinnerung so ab 21.30 Uhr völlig. Das Hotelzimmer habe ich wohl gebucht, eine gute Wahl, wie ich jetzt feststelle. Espresso-Maschine im großzügigen Zimmer vorhanden.

Ich höre der Maschine zu und komme schon langsam wieder zu Kräften. Es ist fast schon halb neun, der Kaffee hat das richtige Aroma. Ich fühle mich gleich besser und bin erstaunt, dass trotz Lebenserfahrung Dinge anders laufen, als ursprünglich vorgenommen.

Aus meinem Livebericht ist nichts geworden und ich kann auch keine wirkliche Rezension über diese Bar schreiben.

Als eine Frau leicht bekleidet aus meinem Hotelschlafzimmer kommt, wundere ich mich auch schon nicht mehr.

„Guten Morgen“, sagt sie freundlich und nimmt sich ganz selbstverständlich die zweite Espressotasse.

„Guten Morgen“, antworte ich und überlege fieberhaft, ob wir uns bereits vorgestellt haben. Ich entscheide mich vorsichtshalber gegen eine neuerliche Vorstellung.

„Gut geschlafen?“, fragt sie.

„Ausgezeichnet“, lüge ich. Zumindest kann ich mich an nichts Gegenteiliges erinnern.

Sie lächelt. Schon wieder dieses Lächeln. Ich beginne zu verstehen, wo mein Problem liegt.

„Du warst gestern wirklich lustig“, meint sie und setzt sich auf das Sofa.

Das beruhigt mich zunächst. Lustig ist wohl besser als peinlich. Wobei das eine das andere bei mir nicht ausschließt.

„Und deine Idee mit dem Hotel war wirklich großartig.“

Ich nicke zustimmend. Offenbar hatte ich gegen Ende des Abends noch überraschend gute Ideen, vermutliche bessere als ich sonst nüchtern habe.

„Übrigens“, sagt sie nach einem Schluck Espresso, „deinen Vortrag über die Unterschiede zwischen weißem und braunem Rum musst du mir bei Gelegenheit noch fertig erklären.“

Ich beschließe, dass ein weiterer Espresso dringend notwendig ist.

Dann vibriert mein Handy. Eine Nachricht der Kreditkartenfirma. Hotel, Bar und eine weitere Abbuchung, deren Verwendungszweck ich lieber nicht genauer untersuche.

Immerhin weiß ich jetzt, dass ich gestern Abend noch liquid war.

Eine Rezension über die Bar wird es wohl tatsächlich noch nicht geben. Vielleicht sollte ich stattdessen einen Erfahrungsbericht schreiben. Arbeitstitel: „München bei Nacht – eine wissenschaftlich wohl völlig unbrauchbare Untersuchung.“

Ich öffne meine Notizen und ergänze den letzten Eintrag:

„Espresso ausgezeichnet. Hotel empfehlenswert. Bar vermutlich auch. Weitere Recherchen notwendig“

Dann kommt sie wieder aus dem Schlafzimmer, mittlerweile angezogen, und fragt: „Sehen wir uns heute Abend wieder?“

Ich schaue auf meine Espressotasse.

„Kommt darauf an“, sage ich. „Gibt es dort auch alkoholfreie Getränke?“

Sie lacht.

Und ich weiß schon wieder, dass das keine gute Idee ist.

Harald, 17. Oktober 2026. Der Tag danach.

Kommentar verfassen