Soll ich euch etwas gestehen? Ich besuche andauernd die Harlekin Bar, aber nicht, weil dort die Drinks so vorzüglich sind oder so günstig oder weil die Atmosphäre dort so angenehm ist oder die anderen Gäste so nett, nein, deswegen begebe ich mich nicht in die Harlekin Bar, sondern weil dort immer, wenn ich eintrete und zum Tresen schreite, bereits eine Frau auf einem Hocker sitzt, die nur ein Auge hat oder ähnlich oft auch gar keines. Nicht ein einziges Mal bisher saß sie mit beiden Augen dort. Natürlich könntet ihr jetzt einwenden, dass es sich nicht gehört, dass man Leute offen anstarrt oder verstohlen mustert, die körperliche Makel besitzen, und ich gebe euch recht, es gehört sich nicht, aber ich kann nicht anders! Jedesmal zieht es mich wieder in die Harlekin Bar, auch wenn ich es mir vornehme, doch stattdessen lieber einmal in den Dom zu gehen und dort zu beten, einen Rosenkranz oder ein Vaterunser; selbst wenn ich schon am Domportal stehe und gerade eintreten will, zieht es mich jedesmal wieder weg von dem Gotteshaus, ich verschiebe das Gebet, es zieht mich wieder hin zu der Bar, in der die Frau am Tresen sitzt, die nur ein Auge hat oder gar keines, und genau das ist es, was ich euch gestehen muss, ich gebe nämlich jedesmal, bevor ich die Bar betrete, einen Tipp ab, wieviele Augen die Frau hat, wenn ich sie am Tresen antreffe und ich liege jedesmal falsch. Sage ich an einem Tag, dass sie nur ein Auge haben wird, hat sie garantiert gar keines, sage ich vorher, dass sie gar kein Auge haben wird, hat sie mit Sicherheit eines. Selbst wenn ich mich in letzter Sekunde anders entscheide, liege ich immer falsch. Nicht einmal die mehrmalige Revision meiner Prognose ändert etwas an dem für mich niederschmetternden Ergebnis, das ich jedesmal scheinbar ausdruckslos und achselzuckend zur Kenntnis nehme, bevor ich mich auf dem Hocker neben der Frau niederlasse, sie aber nicht ansehe und mir bei Franz, dem Barkeeper einen Drink bestelle, der Sex on the Beach heißt. Die Frau, die es jedesmal hört, wenn ich laut und deutlich zu Franz „Sex on the Beach“ sage, reagiert nie darauf und würdigt mich auch an den Tagen, an denen sie ein Auge besitzt, keines Blickes. An den Stellen in ihrem Gesicht, an denen ein Auge oder beide Augen fehlen, klaffen übrigens keine leeren Höhlen, die Stellen sind unspektakuläre Fortsetzungen der Stirn, die gefällig aussehen und die Frau in keiner Weise entstellen. Zu Anfang dachte ich, dass mein Interesse an dem unvollständig ausgestatteten Gesicht der Frau allmählich abebben würde, wenn ich die Harlekin Bar nur oft genug besuchte, um die Frau unverhohlen anzustarren oder verstohlen zu ihr hinüberzuschielen, während ich mich mit „Sex on the Beach“ volllaufen lasse, aber das Gegenteil war der Fall. Ich bin regelrecht süchtig geworden nach der Betrachtung des Gesichts der Frau, und ich denke schon am Morgen, wenn ich zu Hause in meinem Bett erwache, nur noch an sie und an ihre Augen. Versteht ihr, wenn ich gerade meine eigenen Augen aufgeschlagen habe, denke ich, ohne als erstes zu prüfen, ob sie mir weiterhin gute Dienste leisten und mich auch am jeweils aktuellen Tag zu einem Sehenden machen, an die Augen einer fremden Frau, von denen ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit höchstens eines zu sehen bekomme, und ich ringe mit mir, was zu tun sei, um diesem unerträglichen Spannungszustand endlich abzuhelfen und Maßnahmen zu setzen, die die Lage für mich erträglicher werden lassen, ich könnte mich endlich doch einmal beim Gebet im Dom stärken oder auch meinen Hausarzt bitten, zu untersuchen, wie weit der tägliche exzessive Genuss von Sex on the Beach Cocktails meine Leber bereits geschädigt hat, um zu wissen, wie viel ich noch vertrage, aber ich muss mir eingestehen, dass ich um den Kern des Problems herumdenke, ich lenke mich ab von dem naheliegenden Gedanken, die Frau beim meinem nächsten Besuch in der Harlekin Bar endlich anzusprechen und sie nach dem Geheimnis ihrer Augenzahl zu fragen, aber was wäre, denke ich, wenn ich sie just an einem Tag, an dem sie ohne Augen am Tresen sitzt, anspreche und sie erschrecke, weil sie mich ja gar nicht sieht und völlig verstockt reagiert und mir deswegen gar keine Auskunft gibt, und ich sinne fieberhaft auf einen Ausweg, und es kristallisiert sich immer klarer für mich heraus, dass ich das Gespräch zu jemandem suchen muss, was die Augenzahl der Frau betrifft, mein Beichtvater im Dom kommt mir in den Sinn, aber womöglich reagiert auch er verstockt und verweigert mir das Gespräch, wenn ich nach schier unendlicher Absenz plötzlich unangekündigt im Dom in seinen Beichtstuhl klettere und ihm von einer Frau erzähle, die ich regelmäßig in einer Bar antreffe und die dabei niemals zwei Augen hat, sondern entweder eines oder gar keines, den Einfall, meinem Hausarzt meine Leberprobleme zu verschweigen und ihn stattdessen als meinen Seelendoktor zu meiner Wahrnehmung der Frau in der Bar zu konsultieren, verwerfe ich auch wieder, und endlich fällt mir die einzige Person ein, die mir wirklich helfen kann, ich muss mit Franz reden, dem Barkeeper, der mir tagtäglich meine Sex on the Beach Cocktails mixt und sie mir schweigend hinstellt, Franz ist die Schlüsselperson in dieser vertrackten Angelegenheit, Franz tut jeden Tag Dienst in der Harlekin Bar, er sieht die Frau hereinkommen und hinausgehen und führt wahrscheinlich längst Buch über den Zustand und die Anzahl ihrer Augen und kann vielleicht sogar Regelmäßigkeiten erkennen, die mir verborgen geblieben sind. Und an jenem Tag lasse ich den Dom gleich links liegen und verdränge alle Gedanken an Gebete, an Vaterunser und Rosenkränze, und alle Gedanken an Beichtstühle und Väter und begebe mich ohne Umweg sogleich zur Harlekin Bar und tippe an der Eingangstür darauf, dass die Frau auf dem Hocker am Tresen diesmal gar kein Auge haben wird, und als ich ihrer ansichtig werde, hat sie natürlich ein Auge, und ich setze mich diesmal nicht unmittelbar neben sie, sondern lasse einen Platz frei zwischen uns, damit ich in einem geeigneten Moment Franz beiseite nehmen und ihn darüber ausfragen kann, welche Bewandtnis es hat mit der Augenzahl der Frau, und als Franz den ersten Sex on the Beach Cocktail vor mich hinstellt, zögere ich nicht, beuge mich über den Tresen und stelle dem Barkeeper ganz diskret meine Augenfrage und sehe ihm danach in Erwartung seiner Antwort zum ersten Mal ins Gesicht und stelle fest, dass Franz mir gar nicht antworten kann, weil er keinen Mund besitzt. Und obwohl Franz mein maßloses Erstaunen bemerkt, zuckt er bloß die Schultern und schickt sich an, für einen anderen Gast einen weiteren Coktal zu mixen. Ich aber will ihn in meiner Verzweiflung nicht so billig davonkommen lassen mit der Tatsache, dass er mir seit Monaten schon das Fehlen seines Mundes verschweigt, und ich stelle ihn laut bloß, indem ich über den Tresen rufe, dass ich ein Recht darauf hätte, dass er mir anwortete, ich bestritte schließlich einen Gutteil seines Lebensunterhalts, indem ich mich jeden Abend mit Sex on the Beach volllaufen ließe, und daraufhin geschieht etwas, mit dem ich unter keinen Umständen gerechnet hätte, die Frau dreht sich zu mir herüber und lächelt mich an und mustert mich mit ihrem einen Auge, und richtet das Wort an mich. Es sei ein Gebot der Höflichkeit, dass bei Kontaktanbahnungen in Bars der Mann den ersten Schritt setze und die Frau anspreche, das gehöre sich so. Nachdem ich sie aber bei meinen unzähligen Besuchen stets ignoriert hätte, sei sie zu der Einsicht gelangt, dass ich keinen Kontakt zu ihr wolle, sie habe allerdings auch früher schon überlegt, die eben geäußerte Regel der Kontaktanbahnung zu brechen, ich gefalle ihr zwar, sei ihr aber stets ein wenig unheimlich gewesen, weil ich oft mit drei und manchmal mit vier Augen in der Bar auftauchte, was sie verwirre, weil sie nicht wisse, wie sie jemandem in die Augen schauen solle, der mehr als zwei Augen besitze, und in diesem Augenblick unterbreche ich sie und entgegne, dass es nicht stimme, dass ich mehr als zwei Augen hätte, nie und nimmer stimme es, zu keiner Zeit, und die Frau lächelt weiter und erklärt mir sanft, dass es sehr wohl stimme, ich solle mir doch an die Stirn fassen, dort werde ich mein drittes Auge schon spüren, und ich folge ihrer Aufforderung und betaste meine Stirn und fühle dort tatsächlich ein drittes Auge, mit dem ich aber nicht sehen kann, und plötzlich geht mir ein Licht auf und ich frage die Frau, ob es sein könne, dass ich immer dann, wenn sie ein Auge hätte, mit drei Augen in die Bar käme, und wenn sie ohne Augen erschiene, dass ich dann vier Augen hätte. So sei es, bestätigt die Frau lächelnd, es handle sich um eine Art erweitertes Vieraugenprinzip, das sie und mich wohl auf eine besondere Art verbinde. Ich ringe mich nun auch zu einem Lächeln durch, verharre aber in meiner Skepsis und frage die Frau, wie es aber denn sein könne, dass sie mich sähe, wenn sie ohne Augen in die Bar käme und wenn ich zur selben Zeit vier Augen hätte. Die Augen, die hin und wieder zu mir wanderten, seien dennnoch immer ihre Augen, sagt die Frau, und sie könne auch, wenn sie sich gerade in meiner Stirn befänden, so mit ihnen sehen, als ob sie sich in ihrem Kopf befänden. Eine schlüssige Erklärung für das, was sich in der Harlekin Bar in Bezug auf unsere Augen ereigne, habe sie aber nicht. Sie habe, sage ich leise, eben ein Auge (oder zwei) auf mich geworfen, damit sie mich nicht aus den Augen verliere. Meine Schmeichelei gefällt ihr so gut, dass sie rot anläuft. Ich tue es ihn nach, so gut ich kann, wissend, dass es um uns beide nun geschehen ist. Ich frage die Frau nach ihrem Namen, den sie mir bereitwillig nennt, sie heiße Iris, sagt sie, und auch ich stelle mich ihr vor, ich sei August, sage ich, und aus einem spontanen Bedürfnis heraus frage ich Franz, den Barkeeper, ob er unser Trauzeuge sein wolle, und im selben Augenblick fällt mir ein, dass er ja keinen Mund hat, und ich sage ihm, dass er selbstverständlich auch nicken könne, wenn er einverstanden sei, und Franz nickt und Iris und ich nicken auch, und dann fragt Iris, wer uns denn trauen solle, und ich schlage ihr meinen Beichtvater aus dem Dom vor, den ich schon so lange nicht mehr aufgesucht hätte. Wenn sie, Iris, und ich im Dom auftauchten, mit Franz im Schlepptau, um das Aufgebot zu bestellen, werde mein Beichtvater sicher Augen machen.
Michael, 23. Oktober 2026