Hemmetmayer trank an der Bar einen Kamillentee.
„Das ist ein klarer Stilbruch“, sagte der Spielleiter Wolny, „geeignet um einen ganzes Theaterstück zu ruinieren oder in unserem Fall ein ganzes Leben, nämlich das eines Barkeepers, der in seiner Bar ein solch widersinniges Getränk servieren muss.“
„Udo Jürgens hat Kamillentee auch geliebt“, sagte Hemmetmayer, „und er ist doch nicht nichts!“
„Nicht niemand heißt es“, sagte der Spielleiter Wolny. „Außerdem hat Udo seinen Kamillentee nicht geliebt, sondern ihn lediglich getrunken, um seine Stimmbänder zu schonen.“
Herr Hemmetmayer winkte verächtlich ab.
„Lassen wir Udo Jürgens aus dem Spiel“, sagte Wolny, „und konzentrieren wir uns wieder auf den Zustand eines Barkeepers, der einem Gast mit einem Getränk aufwarten muss, das einem Genießer die Socken auszieht.“
„Der Barkeeper, dessen Pflicht es ist, jedem seiner Gäste seine Wünsche zu erfüllen, soll sich nicht zum alleinigen Richter über die ausgeschenkten Getränke erheben.“
„Wo sind wir?“, fragte Wolny. „In einem Stück oder in der Realität?“
„Keine Ahnung“, seufzte der Spielleiter. „Ich bin bloß der Spielleiter und als solcher ein Angestellter, der die Vorgaben seines Chefs erfüllen hat.“
„Wer ist ihr Chef?“, fragte Hemmetmayer.
„Der Oberspielleiter natürlich“, erwiderte Wolny, „wer denn sonst? Wir sind ein Staatsbetrieb!“
„Und wie heißt ihr Chef?“
„Das spielt keine Rolle!“, rief der Spielleiter. „Ich sage es ihnen aber trotzdem. Es handelt sich um den Oberspielleiter Alabaster.“
„Ah!“, rief Hemmetmayer. „Ich habe mit einem Alabaster die Schulbank gedrückt. Gemeinsam haben wir damals unsere Leidenschaft für Kamillentee entwickelt und ihr hemmungslos gefrönt. Es muss sich um den selben Alabaster handeln, da habe ich keine Zweifel!“
„Ich muss ihn sowieso anrufen“, seufzte Wolny, „um ihn zu fragen, ob wir in einem Spiel sind oder in der Wirklichkeit. Bei dieser Gelegenheit können Sie gleich ein paar Worte mit ihm wechseln.“
„Ausgezeichnet!“
Hemmetmayer rieb sich die Hände und nahm einen kräftigen Schluck Kamillentee.
„Es läuft wie am Schnürchen!“
Wolny griff zum Telefon und tat so, als ob er Alabaster anriefe, der aber plötzlich hinter dem Tresen hervorsprang und Wolny ins Ohr zwickte. Wolny schrie laut auf vor Schreck und vor Schmerz.
„Alabaster!“, rief Hemmetmayer freudig erregt. „Bist du es wirklich? Immer noch der selbe kompromisslose Hund wie zu Schulzeiten!“
Alabaster sah ihn entgeistert an.
„Ich kenne Sie nicht“, sagte er dann, „aber ein kompromissloser Hund bin ich, da haben Sie recht!“
Alabaster zwickte auch Hemmetmayer ins Ohr.
„Das ist eine Warnung! Lassen Sie mir bloß meinen Spielleiter in Ruhe, damit Ordnung herrscht im dieser Bar!“
„Wir sind in einem Stück, oder?“, fragte Hemmetmayer weiterhin verunsichert noch einmal.
Erst im letzten Augenblick bemerkten die drei den Mann, der in die Bar geschlichen war. Er trug einen weißen Bademantel und bestellte beim Barkeeper einen Kamillentee.
„Ihr wisst, wer ich bin?“, fragte der Fremde.
„Udo Jürgens“, murmelte Hemmetmayer. „Wer sonst?“
„Eben“, sagte Udo Jürgens und trank einen Schluck Tee. „Wir sind also in der Wirklichkeit. Niemand würde ein Stück schreiben mit einem dermaßen schwachsinnigen Inhalt.“
Michael, 16. Oktober 2026