Lätzchen

Der selbständige Handelsvertreter Zecker band sich ein schweinchenrosafarbe­nes Lätzchen um den Hals und begab sich in die Undank Bar in Brunsbüttel, wo er sich an seinem Stammplatz am Tresen niederließ.

Dem ehemaligen Leichtmat­ro­sen Hein Pellworm, der auf dem Hocker neben Zecker saß und sein fünfzehn­tes Pils in gleichmäßigen Schlucken in sich hineinlaufen ließ, fiel das Lätzchen gleich auf. Pellworm tippte Zecker mit dem Zeigefinger auf die Brust.

„Du bist doch der, der neulich hier in der Undank Bar Hörapparate verticken wollte und komische Gleitsichtbrillen. Machst heute zur Abwechslung auf einer vom ande­ren Ufer, wie?“

„Nein, nein“, wehrte sich Zecker. „Das rosafarbene Lätzchen zeigt nicht unbedingt an, dass ich auf Männer stehe.“

„Was dann?“

„Ich brauch das Lätzchen“, sagte Zecker, „damit ich mich mit meiner Bloody Ma­ry nicht bekleckere.“

„Du könntest auch ordentlich trinken wie ein Mann“, rief Pellworm, „dann brauchst du kein Lätzchen und schon gar kein schweinchen­ro­sa­far­benes!“

„Sagt einer“, konterte Zecker, „dessen Hemd vorne an der Brust vollgesogen ist mit Pils.“

„Meine Güte!“, rechtfertigte sich Pellworm. „Bei fünf­zehn Pils springt schon das eine oder andere Tröpfchen daneben.“

„Du sagst es, mein Freund!“, rief Zecker. „Ich will fünfzehn Bloody Marys trinken und danach mit blütenweißer Weste dastehen!“

Der Barkeeper stellte eine erste Bloody Mary vor Zecker hin, der den Drink sou­ve­rän in seine Kehle schüttete, ohne einen Tropfen zu vergießen. Bei der zweiten Bloody Mary blieb schon ein kleines Quantum Tomatensaft auf dem Lätzchen zurück.

„Sieht so aus“, gab Pellworm zu, „als ob es doch gut wäre, dass du ein Lätzchen trägst.“

Der Handelsvertreter nickte.

„Und ich bin erst bei der dritten Bloody Mary.“

„Weißt du was?“, fragte der Leichtmatrose. „Verkauf mir doch auch lieber ein Lätzchen!“

„Kannst du gern haben“, sagte Zecker. „Ich habe heute allerdings bloß schweinchenrosafarbene Exemplare dabei.“

„Egal“, sagte Pellworm. „Gib schon her, ich will mir das nächste Bier bestellen.“

Zecker reichte dem Leichtmatrosen ein Lätzchen, das dieser sogleich um seinen Hals befestigte.

„Ich nehme dich in meine Kundenkartei auf“, rief Zecker, „und schick dir demnächst die Rechnung.“

Sie bestellten die nächste Runde Getränke. Nach dem neunzehnten Bier fing der Leichtmatrose Pellworm allmählich zu meckern an, weil das Lätzchen ihn in seinen Augen nicht genug vor der Bierfeuchte schützte, mit der sich das darunter liegende Hemd längst vollgesogen hatte.

„Wenn man es geschickt zu nutzen weiß“, wehrte sich Zecker, „und nicht zu gierig trinkt, dann hilft es. Ich nehme es jedenfalls nicht mehr zurück.“

Sie tranken weiter. Nach einigen weiteren Runden tauchte plötzlich ein Mann mit einem weiteren schweinchenrosafarbenen Lätzchen in der Bar auf, der sich unter den Gästen aufmerksam umsah. Als er schließlich Zecker und Pellworm entdeckte, steuerte er zielsicher auf sie zu und sprach sie unverblümt an.

„Jetzt, wo ich euch beide sehe“, sagte der Fremde, „bin ich total verwirrt und mein Herz klopft so wild.“

Er deutete auf sein eigenes Lätzchen.

„Ich habe mich hier in der Undank Bar mit einem Gleichgesinnten zu einem ersten Kennenlernen verabredet. Rosafarbene Lätzchen sollten die gegenseitigen Erkennungszeichen sein. Nun trägt ihr beide solche Lätzchen. Wer von euch zweien ist denn nun der Glückliche, der mich kennenlernen will?“

„Das mit den Lätzchen muss ein Zufall sein“, erwiderte Zecker sofort und zeigte auf den Leichtmatrosen Pellwein und sich. „Wir beide sind alte Freunde und treffen uns schon lang gelegentlich, um miteinander hier zu trinken. Keiner von uns beiden kann also der von dir gesuchte sein.“

„In diesem Fall entschuldigt bitte“, sagte der Fremde. „Dann werde ich eben warten, bis meine Kontaktperson hier auftaucht in der Bar.“

Er wandte sich ab, suchte sich am Tresen in der Nähe einen freien Platz und bestellte sich einen Prosecco, den er lautstark zu schlürfen anfing.

„Den hast du aber sauber hereingelegt“, raunte Pellworm dem Handelsvertreter Zecker zu. „Alles, was recht ist!“

„Pst, nicht so laut“, erwiderte Zecker und wurde im Gesicht fast so rot wie seine Bloody Mary. „Ich will nicht, dass er unser beider junges Glück noch einmal stört.“

Michael, 2. Oktober 2026

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