Am 31. Oktober machte sich Bernhard traditionell auf den Weg zum Zentralfriedhof. Er zog beim Grab von Udo seine Schuhe aus und Punkt Mitternacht öffnete sich das Grab. Udo begrüßte Bernhard freundlich: „Auch wieder hier, alter Freund. Genug Charly dabei?“ Bernhard machte eine betretene Miene: „Sprite ist noch genug da, aber ich bin vorher beim Hansi drüben vorbeigegangen und der hat den ganzen Weinbrand in einem Schluck mit ein paar Tropfen Sprite weggesoffen!“
„Spinnt der jetzt völlig?! Der trinkt doch sonst nur Whiskey aus Tennessee“, echauffierte sich Udo, „nicht einmal auf die Toten ist mehr Verlass.“
„Soll ich noch einen kaufen gehen?“, fragte ihn Bernhard.
„Nein, das geht sich nicht mehr aus, dann müssen wir wieder zurück“, erkannte Udo das Problem. Kurze Stille. Na wunderbar“, seufzte Udo dann, „einmal im Jahr darf ich auferstehen, und ausgerechnet heute säuft mir der Hansi den Charly weg!“
In diesem Moment hörte man hinter ihnen ein lautes Rumpeln. Ein Grabdeckel wurde zur Seite geschoben und Falco erschien, Sonnenbrille auf der Nase, Zigarette im Mundwinkel und etwas unsicher auf den Beinen.
„Was ist denn da los, Oida? Wird da über mich geredet?“
„Hansi!“, rief Udo empört. „Du hast meinen ganzen Weinbrand ausgetrunken!“
Falco grinste. „Na und? War halt durstig!“
„Du trinkst doch sonst nur Whiskey aus Tennessee!“, schimpfte Udo.
„Udo, bitte!“, entgegnete Falco und rückte seine Sonnenbrille zurecht. „Zu Lebzeiten war ich eh international. Aber seit ich am Zentralfriedhof lieg, unterstütz ich halt die heimische Wirtschaft.“
„Auf meine Kosten!“, protestierte Udo.
„Geh, Udo, reg dich nicht auf. Du hast doch immer gesagt, mit 66 Jahren fängt das Leben an.“
„Ja, Hansi, aber ich hab nicht damit gerechnet, dass ich mich auch nach meinem Tod noch mit solchen Typen an der Totenbar herumschlagen muss!“
„Jetzt sei nicht immer gleich empfindlich, Udo. Wir sind schließlich beide Legenden.“
„Legenden vielleicht“, erwiderte Udo, „aber offenbar ist nur einer von uns ein Gentleman.“
Falco setzte sich auf Udos Grabstein. „Pass auf, Udo. Ich hab eine Idee. Nächstes Jahr macht der Bernhard die Getränkeorganisation. Du bist für die Musik zuständig und ich für die Stimmung.“
„Und wer bezahlt das alles?“, fragte Bernhard vorsichtig.
Falco grinste. „Na du natürlich! Wir zwei haben seit Jahren keine Einnahmen mehr.“
„Das stimmt so nicht“, widersprach Udo. „Meine Platten verkaufen sich noch immer!“
„Meine auch“, antwortete Falco. „Nur haben wir beide ein kleines Problem mit der Kontovollmacht.“
Plötzlich ertönte aus der Ferne ein lautes Klopfen.
„Wer ist denn das jetzt wieder?“, fragte Bernhard.
„Der Beethoven“, erklärte Udo. „Der beschwert sich jedes Jahr über den Lärm.“
Falco schüttelte den Kopf. „Unglaublich. Zu Lebzeiten war er taub und jetzt hört er jeden Schas!“
Udo blickte auf die Uhr. „Meine Herren, wir müssen zurück. Gleich ist es wieder vorbei.“
Falco erhob sich schwankend. „Na gut. Aber eines sag ich euch: Nächstes Jahr machen wir das mit der Bar professioneller.“
„Wie meinst du das?“, fragte Bernhard.
„Ganz einfach: Du bringst den Charly, Udo bringt das Klavier und ich bring die Mädels.“
Udo verdrehte die Augen. „Hansi, wir sind auf einem Friedhof!“
Falco grinste erfahren wie zu Lebzeiten: „Eben. Da gibt’s jede Menge Singles!“
Die beiden Grabdeckel schlossen sich langsam wieder.
Kurz bevor Falco endgültig verschwunden war, rief er noch:
„Bernhard! Und vergiss nächstes Jahr den Whiskey nicht!“
Aus Udos Grab ertönte ein letzter empörter Ruf:
„UND MEINEN CHARLY RÜHRST DU NICHT MEHR AN!“
„Versprochen, Udo“, antworte noch Falco. Dann wurde es still.
Bernhard zog seine Schuhe wieder an und machte sich auf den Heimweg.
Nach wenigen Metern vibrierte sein Handy. Eine WhatsApp-Nachricht von einer unbekannten Nummer:
„Oida, hast vielleicht noch an Charly daheim? LG Hansi.“
Harald, 30. Oktober 2026.