„Ich heiße Noooooorbert“, lallte mein Freund in der Innenstadtbar, die für bestes Weißbier bekannt ist. „Herta“, wiederholte sie zum siebten Mal. Ich wies ihn nochmals hin, dass er sich bereits vorgestellt hatte. Dieser Vorgang wiederholte sich bei jedem Weißbier unaufhörlich von Neuem. Herta nahm es mit Humor. „Ich heieiße…“, setzte Norbert an während Herta ihn unterbrach „Norbert, du heißt sicher Norbert!“. Verdutzt schaute er mich vorwurfsvoll an: „Das hast du ihr gesagt. Du kannst doch nicht jeder in dieser Bar meinen Namen verraten“. „Norbert, Du hast völlig recht. Ich werde mich bessern“, lachte ich in Richtung Herta. Herta gab uns ihre Nummer, die Norbert traditionell in seinem Garten vergrub, da er nicht ganz unbegründet Bedenken hatte, dass seine Frau sein Handy durchstöbern könnte. Wir kontaktieren sie ein paar Tage und einer Ausgrabung später telefonisch. So wurde Herta seitdem unsere Nachtbegleitung am Wochenende. Wir eroberten gemeinsam Bars, Herzen und der Alkohol floß in Strömen. Herta machte uns zu echten Frauenlieblingen, wir waren charmant, hörten zu und gaben uns völlig unaufdringlich. Herta staunte oft über unsere Erfolge und auch Herta gegenüber nutzten wir unsere Chancen. „Du musst sie links hinten vergraben“, fauchte mich Norbert in seinem Garten um 4.45 Uhr an. Die Telefonnummer von Michelle wollten wir jedenfalls keinesfalls verlieren bzw. so wie ein Eichhörnchen im Winter die Nüsse später womöglich die Falsche ausbuddeln. Ich hielt es durch Alkohol etwas beeinträchtigt für eine sehr gute Idee, mit kleinen Hölzchen ein „M“ zu bauen und sanft in die Erde über der vergrabenen Telefonnummer anzubringen. Dass Norberts Frau Michaela Geburtstag am nächsten Tag hatte, konnte ich nicht wissen. Dass Norbert ihr nur Blumen geschenkt hatte, konnte ich auch nicht wissen. Dass Michaela felsenfest überzeugt war, Norbert hätte eine Überraschung für sie vorbereitet, konnte ich erst recht nicht wissen. Michaela sah das „M“ im Garten als Hinweis für ihr Geschenk und so nahm das Unglück seinen Lauf. Sie fand Michelles Nummer als erstes bei ihren Ausgrabungen, dann folgten Gabi, Ute und Chloé. Am Ende hielt sie auch noch den Zettel mit Hertas Nummer und Kussmund in Händen.
Ich bekam Hausverbot, Norbert musste die Wochenenden von nun an zuhause verbringen. Michaela weigerte sich mir gegenüber beharrlich auch nur eine Telefonnummer wieder herauszurücken. Jahre vergingen, Gras war über die Sache gewachsen und ich durfte Norbert zumindest nun das erste Mal wieder besuchen. Er stand bei einem Apfelbaum, den Michaela in der Zwischenzeit gepflanzt hatte, als ich ankam. „Da unten müsste sie liegen“, meinte er nachdenklich. „Wer?!“, konnte ich meine Aufregung kaum unter Kontrolle halten. Norbert erstarrte: „Herta…“. Ich verstand, nahm ihn in den Arm und sagte leise: „Norbert, du heißt Norbert“.
Harald, 18. September 2026.