Mit 21 Jahren war ich das erste Mal auf der Wiesn und heuer feiere ich mit Freunden den 50. Oktoberfest-Besuch. Wir fahren statt „Heidi – The Coaster“ die „Münchner Rutschn“. Für uns darf auch das „Geisterschloss“ nicht fehlen. Wir haben traditionell einen Biertisch im Hofbräu-Festzelt reserviert.
Wie bereits in den letzten Jahren habe ich eine Packung Multivitamin-Tabletten eingepackt, die die Mineralwasser-Maß zumindest nach abgestandenem Bier aussehen lässt. Ja, die Zeiten haben sich wohl geändert. Das war mir bereits bei der Zugfahrt bewusst, als uns sofort ein Sitzplatz überlassen wurde.
„One day, baby …“, summe ich mit, und eine mir gegenübersitzende Wiesenschönheit unterstützt mich singend lautstark. Sie könnte meine Tochter, wenn nicht sogar meine Enkeltochter sein. Wir halten uns an den Händen, ich zittere leicht, natürlich der Aufregung geschuldet, nicht dem Alter.
„One day, baby …“
Ich schaue meine Mineralwasser-Maß an, die ich schon fast ausgetrunken habe. Und verdammt, ich muss schon wieder pieseln gehen. Nach einer halben Stunde endlich am WC angekommen, schaue ich meine angebrochene Vitamin-Tablettenpackung an. Ich schüttle den Kopf und werfe sie in den Mülleimer. Ein junger Mann klopft mir anerkennend auf die Schulter und meint, dass ich so etwas in meinem Alter noch nicht nötig habe. Beim Gehen steckt er mir lachend noch zwei Kondome zu:
„Die wirst hier eher brauchn.“
Nach einer gefühlten Stunde bin ich wieder beim Tisch angekommen, und meine Wiesenschönheit sitzt leider nicht mehr auf ihrem Platz. Ich bestelle eine Maß Bier. Meine Freunde nicken anerkennend. Bei der zweiten Maß verfliegt die Wehmut, und die Wiesn-Hits heben meine Stimmung. Eine dritte Maß geht immer, und wir stoßen an, als mich plötzlich eine Hand ergreift.
Meine Wiesenschönheit ist wieder da und zerrt mich auf den Biertisch.
„Warte“, schreit sie, „warte noch ganz kurz.“
Ich habe das Gefühl, das ganze Zelt wird still. Vielleicht nur für Sekunden oder gar eine halbe Minute. Dann beginnt es.
„One day, baby, we’ll be old …“
Und 10.000 Besucherinnen und Besucher stimmen ein. Wir tanzen auf dem Biertisch.
„And think of all the stories that we could have told“, höre ich den Chor.
Während wir uns tief in die Augen schauen, küssen wir uns. Die Stimmung ist bei mir und im ganzen Zelt auf dem Höhepunkt.
„One day, baby, we’ll be old“, höre ich nur mehr im Hintergrund.
Das ist richtig.
Aber dieser „one day“ – das weiß ich, das weiß meine Wiesenschönheit, das wissen 10.000 Menschen in diesem Zelt und vermutlich wisst es auch ihr – ist definitiv nicht heute.
Harald, 25. September 2026.