Kuhhandel

Leni und Lisi, zwei stattliche Milchkühe im besten Alter besaßen zusammen drei Augen, die sie sich untertags schwesterlich teilten und nachts in einer Schatulle aufbewahrten. Mit Einverständnis des Bauern bekam Leni an geraden Tagen zwei der Augen, Lisi an ungeraden. Ausnahmen von dieser einfachen Regel machten sie nur, wenn eine von ihnen die Glocke um … Weiterlesen Kuhhandel

Guerre des toilettes

Nach der nächtlichen Strategiebesprechung mit seinen Generälen im Haupt­quartier bei der Panozzalacke in der Lobau ließ Bonaparte sich von seinem Koch im Küchenzelt noch eine Portion Austernhackbraten mit Froschklößen auf­wärmen, von dem sie seit ihrem Aufbruch aus ihrer französischen Heimat große Mengen in Proviantkisten mit sich führten. Die Warnungen des Kochs, dass das Gericht nach … Weiterlesen Guerre des toilettes

Nachtradio

Tief in der Nacht drehte er immer um die gleiche Uhrzeit das Radio auf. Auf einer eigentlich nicht vergebenen Frequenz erklang eine weibliche, überaus angenehme Stimme und begann mit einer einstündigen Sendung. Diese Sendung beinhaltete Musik, die sonst nie zu hören war und auch Anrufe waren möglich. Sabine, so nannte sich die Moderatorin, nahm sich … Weiterlesen Nachtradio

Der Wald- und Wiesenkomtur

Es war März und unabhängig vom Wetter fuhr Johann in Hallwang bei Salzburg mit seinem großen Hans-Hawedeere-Traktor und einem Riesen-Güllefass dreimal täglich auf seine Felder. Vor Jahren hatten ihn nahe stehende Personen auf einen gewissen Missstand zwischen Vieh und vorhandenen Feldern aufmerksam gemacht. Das interessierte Johann nur peripher und er setzte noch mehr auf Rindviecher. … Weiterlesen Der Wald- und Wiesenkomtur

Schräge Vögel

An einem nasskalten Abend während der großen Pandemie war ich der allgemeinen Ausgangssperre zum Trotz allein draußen am Stadtrand unterwegs, dort, wo die Reihen der Häuser lichter wurden und allmählich ins Dickicht des Waldes übergingen. Ich zündete mir eine Zigarette an, klappte den Kragen meines Trenchcoats hoch und setzte meinen Weg fort. Mein Ziel war … Weiterlesen Schräge Vögel

Sprayerkrieg

Als mir einmal das gleißende Sonnenlicht furchtbar auf die Nerven ging, erfand ich in meinem Heimlabor kurzerhand ein Nachtspray, das sofort hervorragend funktionierte. Wenn ich mich im Vorgarten damit einnebelte, wurde alles um mich herum augenblicklich stockdunkel und angenehm kühl. Mein Nachbar Liftbügel, der weiterhin schwitzen musste wie das sprichwörtliche Schwein, beobachtete mich voller Argwohn … Weiterlesen Sprayerkrieg

Die Redaktion

Es war 20.45 und die Zeitung würde in genau in 150 Minuten in Druck gehen. Diese Ausgabe war einfach inhaltsleer, keine Schlagzeilen, keine Besonderheiten, keine Aufregungen. Schimmer, der die Seite 5 verantwortete, hatte keine Idee. Ausgerechnet jetzt, wo er mit jeder noch so kleinen Sache für eine Sensation sorgen könnte. So verließ er die Redaktion … Weiterlesen Die Redaktion

Nachtcafé

Punkt 21.00 Uhr öffnet das Nachtcafé. Tagsüber ist es kaum zu bemerken, in einer Nebenstraße, keine Einkaufsmöglichkeiten am Tag, unscheinbar mit einer angebrachten, alten Tafel „Café Mitternacht“. Doch in der Nacht kommen sie alle, freuen sich auf 21.00 Uhr, um Heimat bis 04.00 Uhr zu finden. Der Dichter ist meist der Erste, wartet kurz davor … Weiterlesen Nachtcafé

Fleischliches Glück

Weil die staatliche Zuwendung, die er erhielt, nicht ausreichte, um seinen Hunger zu stillen, brach Urasser, der sein gesamtes Hab und Gut an einarmigen Banditen verzockt hatte, eines Nachts in seinem Heimatort Unterndorf in die Produktions­halle der Metzgerei Beblinger ein, um sich dort richtig satt zu essen. Um seine Nervosität zu dämpfen, rauchte er Kette, … Weiterlesen Fleischliches Glück

Kälbertransport

Auf dem Maskenball der Feuerwehr in Bergheim hatten sich aufgrund eines dummen Zufalls alle Frauen als Papst Franziskus und alle Männer als Mutter Teresa verkleidet, was die Stimmung so sehr gedämpft hatte, dass Eduard, der als einziger in einem Metzgerkostüm erschienen war, die Veranstaltung vorzeitig verließ, als um ihn herum im Ballsaal nur noch Halma … Weiterlesen Kälbertransport

Und draußen vor der großen Stadt

Es war 21.55 Uhr und Wälzer begann wie üblich wie von Sinnen zu tippen. Er hämmerte die Zeilen in seinen kleinen Laptop und sprühte vor Ideen. Diesmal war sich Wälzer wieder sicher, dass Leser, den er persönlich nicht kannte, begeistert sein und ihm das Werk aus den Händen reißen würde. Monatelang tüftelte Wälzer an seinem … Weiterlesen Und draußen vor der großen Stadt

Faschingsnacht

Hektor war noch immer in der Therapie, einmal wöchentlich, auf ausdrücklichen Wunsch seiner Frau. Er beteuerte, dass bereits die erste Sitzung von Erfolg gekrönt gewesen sei und eine weitere nächtliche Umräum- oder Ausmalaktion nicht mehr vorkommen würde. Nichtsdestotrotz waren sich die Therapeutin und seine Frau einig, dass zumindest zehn Sitzungen notwendig seien, um einen Rückfall … Weiterlesen Faschingsnacht

Sternbilder

Es geschah im Jahr des Metall-Pferdes. Der Parteivorsitzende Da Hong Xing, der große rote Stern, unumschränkter Herrscher im Reich der Mitte, schrieb Ge­schichte. Sein letzter verbliebener Gegner im Ringen um die Weltherrschaft hatte sich im Norden des amerikanischen Doppelkontinents in der Stadt, die von da an den Namen Wa Shing Tong trug, endgültig unterworfen. Im … Weiterlesen Sternbilder

Die Obstdiebin II

Der greise Schriftsteller H., der bei der internationalen skandinavischen Schreibtombola das große Los gezogen und den Hauptpreis gewonnen hatte, stieg nach seiner Rückkehr von der Preisverleihung in Stockholm an einem späten Dezemberabend im heimatlichen Bahnhof von Chaville, einem Vorort von Paris, erleichtert aus dem Nahverkehrszug. Man hatte, obwohl er sein Rasierzeug vergessen hatte und jedermann … Weiterlesen Die Obstdiebin II