Kontrapunkt

Weichbirner, der ein lausiger Klavierspieler war, hegte seit seiner Kindheit den Wunsch, einmal auf einer Kirchenorgel spielen zu dürfen. Da er als Handelsreisender für eine Gummiknüppelfabrik jahrelang sämtliche Polizeistationen im deutschsprachigen Raum abgeklappert hatte und ständig auf Achse gewesen war, hatte sich nie eine passende Gelegenheit ergeben. Im Ruhestand wurde die Sehnsucht nach dem Orgelspiel … Weiterlesen Kontrapunkt

Nachtzug nach Budapest

Larissa, die im vierten Semester Geschichte studiert, fuhr mit dem Nachtzug nach Budapest. Es war bereits das dritte Mal in relativ kurzer Zeit. Irgendetwas führte sie wiederkehrend dort hin. Immer wenn sie im Nachtzug einschlief, träumt sie den gleichen seltsamen Traum. Sie schwebte über der Donau, die ganze Stadt in einem goldenen Nebel und eine … Weiterlesen Nachtzug nach Budapest

Rodeln

Wie jeden Winter traf sich eine befreundete Gruppe immer am ersten Freitag des Monats abends zum gemeinsamen Rodeln in Radstadt, um nächtens auf einer sechs Kilometer langen Strecke zu Tal zu rasen. Um 19.00 Uhr fuhren sie mit der Gondel zur Bergstation, um anschließend in der gleich rechts daneben befindlichen Hütte Einkehr zu halten. Mittlerweile … Weiterlesen Rodeln

Giebelkreuz

Hanebüchner verkaufte innergebirg als selbstständiger Vertreter biologisches Katzenfutter. Damit er die misstrauischen Gebirgler leichter von der Qualität seiner Tiernahrung überzeugen konnte, reiste er stets in Begleitung der schön­sten Katze der Welt. Sie hatte ein goldenes Fell und hieß Moneta. Hanebüchner hatte sie nicht unfruchtbar machen lassen, weil er hoffte, dass er irgendwann, wenn er mit … Weiterlesen Giebelkreuz

Mutprobe

Schmalbrüstl, der den Rummel um den Jahreswechsel und die Silvesterknallerei zutiefst verabscheute, überlegte sich, wie er ein von all seinen Nachbarn wahrnehmbares Zeichen des Protests gegen die ihm zuwideren Bräuche setzen konnte. Zuerst dachte er daran, sich eine Silvesterrakete zwischen die Gesäßbacken zu klemmen und sie von dort aus in den Himmel starten zu lassen, … Weiterlesen Mutprobe

Heunacht

Spät abends waren sie noch unterwegs. Weit und breit kein Licht mehr zu sehen, finstere Nacht, dafür Sterne und Schnee. Jeder Schritt wurde von einem Klirren begleitet, typisch für Eiseskälte. Die Luft war trotzdem angenehm, klar, spürbar lebendig. Lange waren sie gegangen und der Weg zurück noch weit. Das Luxus-Chalet mit allen Annehmlichkeiten nicht einmal … Weiterlesen Heunacht

Weihnachtsengel

Der Advent neigt sich ganz langsam dem Ende zu. Lisa arbeitete bis zum Schluss sehr viel, schließlich konnte zumindest in der Buchhaltung keiner ahnen, ob das nächste Jahr wirklich noch kommen sollte. Ihre beruflichen Aufgaben empfand sie seit längerem als sinnentleert, nein, noch schlimmer: Qualvoll. Wenn Lisa früh morgens das Büro betrat, konnte das Gefühl … Weiterlesen Weihnachtsengel

Totenvogel

An einem ungemütlichen nebligen Novemberabend spitze ich meine Ohren. Es klopft draußen an meiner Fensterscheibe. Es klingt wie das Hämmern eines mächtigen Schnabels. Mein Herz schlägt wild. Das muss der Totenvogel sein, denke ich, der mich heimholen will ins ewige Reich der Nacht. Ich blicke hinaus, kann in der Dunkelheit aber nichts erkennen. Ich kippe … Weiterlesen Totenvogel

Kollateralklausur

Es ist mitten in Nacht. Unter der Kokoskuppel auf dem Kegelkogel in Kärnten brennt auf der Kegelbahn noch Licht. "Wir müssen noch kurz kegeln", sagt Kurz zu Kogler. "Beim Kegeln lässt sich alles regeln", sagt Kogler. "Kegeln wir also, aber nicht zu kurz, sondern kompetent." "Die Nacht ist doch noch jung", sagt Kurz. "Es sind … Weiterlesen Kollateralklausur

Thomasnacht

Es war in der Nacht von 20. auf 21. Dezember, die Thomasnacht genannt wird. Sie war nun schon längere Zeit allein, noch nicht wirklich alt, aber dass sie ihr Göttergatte mit einer siebzehn Jahre jüngeren Geliebten, die an der Uni Geschichte studierte, verlassen hatte, machte ihr klar, dass „jung sein“ jedenfalls der Vergangenheit angehörte. Als … Weiterlesen Thomasnacht

Straßenschlacht

Wieder wurde von den großen Demonstrationen in Paris berichtet. Er wusste bereits seit Jahren, dass sich viele Menschen diese Art von Politik nicht gefallen lassen würden. Aber ausgerechnet ihn hatte noch keiner gefragt, weder nach seiner Meinung noch nach Lösungen. Unverständlich eigentlich, müsste doch nur wer an seinem Reihenhaus läuten, er würde sich sofort hinter … Weiterlesen Straßenschlacht

Marlene

Wie an jedem Abend mache ich einen kleinen Spaziergang unten am Sportplatz in Eching. Den Meinen sage ich, es sei wegen der körperlichen Ertüchtigung. Ich brauchte abends immer ein wenig Bewegung, sage ich, sie täte meinen alternden Gelenken gut. In Wahrheit gehe ich aber nur wegen Marlene. In der Abenddäm­merung biege ich an der Ecke … Weiterlesen Marlene

Vor die Wölfe gehen

Atemlos betret ich in der Abenddämmerung das Wolfsgeschäft. Ich spähe durch die Gitterstäbe in die Käfige. Die Wölfe riechen meine Ungeduld. Sie zeigen ihre Fänge, blecken ihre Zähne. Ihre Augen glühen gelb. Ich spüre dennoch keine Angst, ich kenn das alles zur Genüge. Ich such mir einen Wolf aus, und auf meinen Wink hin öffnet … Weiterlesen Vor die Wölfe gehen

Nachttreiben

Es ist gerade 22.00 Uhr geworden. Er hörte lautes Kuhglockengeläut, das immer näher zu seinem Haus zu kommen schien. Er lebte schon lange in diesem seltsamen Ort und trotzdem kannte er kaum jemanden. Eine Dorfgemeinschaft, die sich ihm nie erschloss. Ja, sie waren großteils freundlich und grüßten ihn, aber wirklich interessiert hatte sich keiner. Er, … Weiterlesen Nachttreiben